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Oscar Peer: «Ich bin selber auch ein bisschen anders»

Der romanische Schriftsteller Oscar Peer wird morgen Dienstag 85 Jahre alt. Zum Geburtstag hat sich der unermüdliche Literat eine Neuausgabe der Geschichte «Eva und Anton» geschenkt.

Von Fadrina Hofmann

Chur. – Ein Piano und Noten von Chopin und Bach fallen dem Besucher in der Stube von Oscar Peers Wohnung in Chur zuerst ins Auge. «Er hat früher viel gespielt, und alles auswendig», schwärmt seine Frau Monica Peer, während sie das Plain in pigna – eine typische Engadiner Kartoffelspeise – auftischt. Der zweite Blick fällt dann auf das fast überladene Bücherregal mit alten Ausgaben und Klassikern der deutschen Literatur. «Schriftsteller wie Gottfried Keller oder Johann Peter Hebel haben mir einen gewissen Ansporn zum Schreiben gegeben», erinnert sich Oscar Peer, der eine Flasche Rotwein aufmacht, einschenkt und am Tisch Platz nimmt. Es sind wenige Tage vor seinem 85. Geburtstag. Am Morgen hat der Schriftsteller noch in seinem Atelier gearbeitet – wie nahezu jeden Vormittag. Seit der Pensionierung widmet sich Peer intensiv der Literatur.

Vom Bruder zum Schreiben inspiriert

Während des Mittagessens erzählt Peer von seiner lebenslangen Leidenschaft, den Büchern. «Wir hatten Zuhause eine enge Beziehung zu Büchern», sagt der Schriftsteller, der in Carolina, Zernez und Lavin aufgewachsen ist. Der Vater – ein Bahnangestellter – las sehr viel, vorzugsweise Jeremias Gotthelf. Zum Schreiben inspiriert hat den jungen Oscar allerdings sein Bruder, der Dichter Andri Peer. «Als ich erst Anfang 20 war, hat er mich beauftragt, eine Geschichte für den ‘Chalender Ladin’ zu schreiben», erinnert sich Oscar Peer. Die «Chasa veglia» von 1952 gehört noch heute zu einer seiner Lieblingsgeschichten und wurde zuletzt 2010 neu und zweisprachig herausgegeben. Es ist ein Drama in einer bäuerlichen Gesellschaft, welches um die Daseinsfrage kreist.

Erstaunlich scheint, dass Peer nach der Schule zuerst eine Lehre als Maschinenschlosser begann, bevor er sich für das Lehrerseminar in Chur entschied. «Züge haben etwas Romantisches an sich, doch das Handwerk war für mich dann doch eine ganz fremde Welt», sagt er rückblickend. Nach einer Zeit als Primarlehrer in Tschierv und Felsberg begann Peer das Studium der Romanistik und Germanistik an der Universität Zürich und an der Sorbonne. Er promovierte mit einer Arbeit über den Schriftsteller Gian Fontana und wirkte danach als Mittelschullehrer in Winterthur und am Churer Lehrerseminar.

In der Schule lernte Peer auch seine zukünftige Frau kennen. «Ich war seine Schülerin und er der Aushilfslehrer», erzählt Monica Peer. Sie spricht akzentfrei Vallader, obwohl das Paar seit 53 Jahren gemeinsam – und auch als Familie mit den Kindern Simon und Leta – fast immer ausserhalb des romanischen Gebiets gelebt hat. «Monica war bei der literarischen Arbeit stets eine Stütze, als Kritikerin und Diskussionspartnerin», erzählt ihr Mann.

Den Outsider im Blickpunkt

Peer bezeichnet sich als treu – in der Liebe wie auch in der Literatur. Immer wieder erscheinen Werke, die er bereits einmal publiziert hatte: in neuer Form, mit einer aktualisierten Sprache, mit neuen Szenen oder weggelassenen Sätzen. «Ich arbeite lange an einer Geschichte, während sie sich langsam in der Fantasie verändert», erklärt Peer. Bereits seit Anbeginn seiner literarischen Karriere hat er zweisprachig gearbeitet. «Wir Rätoromanen sind fast alle zweisprachig, und ich habe ein enges Verhältnis zur deutschen Literatur, das prägt.» Peer übersetzt übrigens nicht, er schreibt seine Geschichten zweimal und gewährt sich dabei gewisse künstlerische Freiheiten.

Eine typische Gestalt in Peers Büchern ist der Outsider. Es ist zumeist ein eigenbrötlerischer Mensch, der indes Sehnsucht nach Zugehörigkeit verspürt und im Spannungsfeld zwischen der Einsamkeit und der Gemeinschaft lebt. «Ich bin selber auch ein bisschen anders», gibt Peer zu. Die Literatur helfe ihm dabei, eine kommunikative Brücke zu seinen Lesern aufzubauen.

Bei schwarzem Kaffee und Pralinen fällt die Frage: Wann ist ein Buch eigentlich gut? «Wenn ich es ohne schlechtes Gewissen nochmals lesen kann», antwortet Peer. Bei «Hannes» sei dies nach dem Erscheinen 1978 nicht der Fall gewesen. Die tragische Liebesgeschichte eines leicht behinderten Mannes hat Peer darum in letzter Zeit neu gestaltet. Noch in diesem Jahr soll die neue Variante herauskommen. Soeben erschienen ist auch «Eva und Anton», die Geschichte einer mysteriösen Frau, die ein Dorf revolutioniert. Somit stehen bei Peer wieder Lesungen an – rund 150 hat er schon hinter sich. Sogar in Hamburg und Paris hat der romanische Schriftsteller bereits gelesen. Die nächste Gelegenheit, ihm zuzuhören, ist am Montag, 29. April, um 20 Uhr in der Bündner Volksbibliothek in Chur.