Leo Tuors Hommage an den «letzten echten Bündner»
Es ist nach «Settembrini» sein zweites Buch über die Jagd. Oder besser: über den Jäger und – in diesem Fall – dessen Scheitern. Denn davon erzählt Leo Tuor in «Cavrein», ins Deutsche übersetzt von Claudio Spescha.
Es ist nach «Settembrini» sein zweites Buch über die Jagd. Oder besser: über den Jäger und – in diesem Fall – dessen Scheitern. Denn davon erzählt Leo Tuor in «Cavrein», ins Deutsche übersetzt von Claudio Spescha.
Von Jano Felice Pajarola
Val Sumvitg. – Im Anfang ist er da, in der Hütte auf Cavrein Sura, mit seinem mitgeschleppten «Jagdplunder», mit Proviant für zwei Wochen, Wittgenstein für den Geist. Es ist Oktober, und schon liegt er zwischen den Felsbrocken, mit dem Feldstecher in der Hand und mit Speck im Mund, und er schaut und schaut, wie er nun tagelang schauen wird, «es wird Abend, es wird Nacht: der erste Tag», von Steinböcken keine Spur. Nun gut, zuerst ist es sowieso die Geiss, die erlegt werden muss. Am sechsten Tag ist er sicher, es wird Beute geben, doch dann wird es nur kalt und trüb und dunkel, keine Geiss. Der elfte Tag, Val Cristallina, wieder «nur gespiegelt und gefroren», doch dann kommt er zum erfolgreichen Schuss, endlich, der Weg zum Bock wäre frei, aber eben, «mit der Jagd ist es wie mit dem Leben. Eines schönen Tages ist alles vorbei, dabei hat es doch erst begonnen.»
Zwei Wochen erfolglose Steinbockjagd im surselvischen Hochgebirge – auf diesen Plot liesse sie sich reduzieren, Leo Tuors Erzählung «Catscha sil capricorn en Cavrein» aus dem Jahr 2010, jetzt unter dem Titel «Cavrein» in der Übersetzung von Claudio Spescha erstmals auf Deutsch erschienen. Doch natürlich ist die Erfolglosigkeit, erstens, für den wahren Jäger die wahre Potenz, denn er hat ja nicht «diese Krankheit der Männer», die sich ohne Beute «kastriert fühlen». Und, zweitens, ist sie nichts weiter als das Gerüst, an dem Tuor all das befestigt, was der mit Tuor vertraute Leser vom Autor aus der Val Sumvitg erwartet.
Den Steinböcken ist es schnuppe
Von daher also: Das tuor’sche Universum erstreckt sich nach wie vor über die gewohnten Gefilde. Die Steinböcke, die echten, also jene aus Russein, bilden sich «in ihren fettgepolsterten Schädeln noch ein, kein Jäger könne sie jemals erwischen»; je älter sie werden, desto mehr ist ihnen «notorisch alles schnuppe», denn das Sterben ist «eine Sache zum Schieflachen», weshalb sie frei sind und die todesgeängstigten Bündner nicht. Die Maiensässe, die wahren, sind jene, bei denen immer nur gerade das wieder hergerichtet wird, was nötig und praktisch ist, «Hütten für Leute, die dem Berg ihre Seele geben und von ihm Steine, Wurzeln oder Gemsen nehmen». Die Jäger, die wirklichen, jene im Hochgebirge, sind die «letzten echten Bündner», von ihrem Tun haben die übrigen keine Ahnung, diese «Masse wehleidiger Pietigots.»
Mit Schimpf und Verklärung
Und natürlich ist da der Kanton, der unvermeidliche, «auf zweimal zwei Beinen, mit Hund und Fernrohr und Doppellauf» – die Wildhüter mit ihrem Amtslatein, die einen Steinbock damit zu Tode schockieren, dass sie ihn fünfmal verfehlen, und von denen sich der Jäger nichts Besseres wünschen kann, als dass sie bald wieder weit, weit unten «wie Gewehrkugeln zum Tal hinausschiessen.»
Ein typischer Tuor also, mit den üblichen literaturhistorischen Anklängen, mit Schimpf für die Obrigkeit und Verklärung für das Urtümliche, für das, was seinen Platz in Tuors Universum findet, für alles, was der «Capromachia» dient, der «Kunst von all dem, was mit Steinböcken in Graubünden zu tun hat», unterhaltsam und leicht zu lesen, auch dank Speschas Übersetzung. Ob eine Literatur etwas tauge, erkenne man daran, ob man ihren Figuren im Leben wieder begegne, zitiert der Erzähler Raskolnikow. Immerhin, man könnte wohl Tuor begegnen, und das Zitat wäre verifiziert.
Leo Tuor: «Cavrein». 96 Seiten. 24.80 Franken.
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