Italien: Das Land der ewigen Geheimnisse
Die Villa, in welcher der Boss Toto Riina aufgespürt wurde, war am Tag nach seiner Verhaftung 1993 ausgeräumt, blitzblank und ohne irgendeine verwertbare Spur für die Ermittler.
Die Villa, in welcher der Boss Toto Riina aufgespürt wurde, war am Tag nach seiner Verhaftung 1993 ausgeräumt, blitzblank und ohne irgendeine verwertbare Spur für die Ermittler.
Von Roman Arens
Das rote Notizbuch, in das der Anti-Mafia-Staatsanwalt Paolo Borsellino Erkenntnisse und Überlegungen geschrieben hatte, war nach seinem Tod 1992 durch eine Bombe am Tatort sichergestellt worden. Danach ist es verschwunden.
Es muss gute Gründe geben, dass bestimmte Wahrheiten nicht ans Licht kommen sollen. Eigentlich hätte Italien es nötig zu wissen, wie das war mit der «trattativa», den Verhandlungen zwischen Staat und Mafia in den Neunzigerjahren. Sicher zu wissen, dass die Mafia eben nicht einfach der Anti-Staat war, sondern dass es über weite Strecken parallele Interessen oder jedenfalls kühle Geschäfte um Macht und Einfluss gab oder sogar noch gibt, könnte den Kampf gegen die organisierte Kriminalität auf eine realistische Basis stellen.
Die grosse Zähigkeit der spezialisierten Staatsanwälte von Palermo, gegen viele Widerstände und gegen weitverbreitete Indifferenz ein dunkles Kapitel doch noch aufzuhellen, ist bewundernswert und nützlich. Sie haben für ihre Ermittlungen neue Erkenntnisse nutzen können und noch einen langen, dornenreichen Weg vor sich. Vielleicht wird am Ende ihrer Bemühungen kein juristisch belastbares Ergebnis stehen. Es geht auch nicht darum, dass Bosse zu ihren etlichen lebenslangen Haftstrafen noch ein paar Jahre aufgebrummt bekommen oder dass Politiker und Staatsdiener noch mehr ins Zwielicht gerückt werden. Aber es gibt eine neue Chance auf politische und historische Wahrheit, die das Land so dringend braucht wie umfassende Reformen.
Italien kommt auch wegen der zu vielen ewigen Geheimnisse nicht zur Ruhe. Vom Flugzeugabsturz bei der Insel Ustica über die Aktivitäten fehlgeleiteter Geheimdienste bis hin zu ungeklärten Morden und Entführungen – zu lang ist die Liste von Anschlägen und Unglücken, nach denen es am Willen zur Aufklärung mangelte. Der aber ist unverzichtbar für jede Gesellschaft.
zentralredaktion@suedostschweiz.ch
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