×

Grosse Flucht in den Schweizer Südkanton

Immer mehr italienische Firmen wollen ins Tessin übersiedeln. Die Grenzstadt Chiasso bemüht sich umgekehrt aktiv um italienische Unternehmer – mit Erfolg.

Südostschweiz
28.09.13 - 02:00 Uhr

Von Gerhard Lob

Chiasso. – «Italien ist ein Desaster», sagt ein Kleinunternehmer aus dem Raum Como, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er gehörte zur Schar von 220 Italienern in Repräsentanz von 168 Unternehmen, die dieser Tage ins Stadttheater von Chiasso gekommen waren, um sich über die Möglichkeiten orientieren zu lassen, ein Business in der Südschweizer Grenzstadt einzurichten. Die von Chiasso zusammen mit der örtlichen Wirtschaftsförderung lancierte Aktion «Benvenuta impresa!» (Unternehmen willkommen!) übertraf alle Erwartungen. Nur drei kleine Anzeigen in Zeitungen der Lombardei waren für die Infoveranstaltung geschaltet worden. Resultat: 1207 Vertreter von 657 italienischen Unternehmen bekundeten Interesse. Zu viele. Die Stadt Chiasso musste einen Numerus clausus erlassen.

Der Staat, «Feind der Unternehmer»

Doch was treibt die italienischen Unternehmer auf die Suche nach Standortalternativen? «Ein gewaltiger Steuerdruck, eine unerträgliche Bürokratie, ständig neue Gesetze und mangelnde Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt», lautet das Ritornello der Unternehmer. Geschimpft wird vor allem auf den Staat, der sich als «Feind der Unternehmer» und nicht als Partner aufführt. Dies sagt auch unser Gesprächspartner, der in der IT-Branche tätig ist. Die italienischen Unternehmer finden in der Schweiz, was sie suchen: eine niedrige Steuerbelastung und eine unkomplizierte Bürokratie. In 15 Tagen lässt sich eine Firma gründen. In Italien ist das undenkbar. Dazu kommt, dass es im Tessin keine Sprachbarrieren gibt. Und in Bezug auf die Arbeitskräfte steht das Reservoir aus der Lombardei zur Verfügung.

«Wir waren überwältigt von dem Feedback», erklärte Chiassos Gemeindepräsident Moreno Colombo nach dem Meeting mit den interessierten Unternehmern. Ziel sei es, bis Ende Jahr 15 bis 20 Unternehmen anzusiedeln. Er verheimlichte nicht, dass die Initiative auch aus einer eigenen Not kommt. Denn in der Grenzstadt gingen etliche Aktivitäten der Bankenbranche verloren. Nun stehen viele dieser Immobilien leer.

Schweizer Spielregeln

Anlocken will man vor allem Firmen aus dem Tertiärsektor mit hohem Mehrwert. Für Industriebetriebe sind die Immobilien nicht geeignet. Allerdings heisst Chiasso nicht jegliche Aktivität willkommen. Anfragen von italienischen Callcenters mit bis zu 500 Arbeitsplätzen wurden wegen ihrer Niedriglohn-Politik abgelehnt. «Wer hier Business macht, muss wissen, dass die Schweizer Spielregeln und auch die Schweizer Löhne gelten», so Colombo. Die Broschüre der Stadt listet die Jahresrichtlöhne auf: von 50 000 Franken für einfache Tätigkeiten bis zu 95 000 Franken für hoch qualifiziertes Personal. Für Chiasso ist es zudem wichtig, dass eine neue Firma sich auch sozial verankert. Sonst besteht die Gefahr, dass ein italienisches Unternehmen ausschliesslich Grenzgänger beschäftigt, die wiederum viel Verkehr generieren und somit auch die Umwelt belasten.

Die hohen Steuern

Das Phänomen der Dislozierung von Italien in die Schweiz ist nicht neu. Bereits unter Premier Mario Monti, der die Steuern teils drastisch angehoben hatte, beschleunigte sich die Entwicklung, die von der italienischen Tageszeitung «Corriere della sera» unlängst als «grande fuga», als grosse Flucht, bezeichnet wurde. Die Handelskammer von Varese hielt fest, dass allein im ersten Halbjahr dieses Jahres genau 63 Unternehmer dieser Provinz Investitionen in der Schweiz vorgenommen haben. Bekannte Marken aus der italienischen Modebranche wie Ermenegildo Zegna oder Gucci verlegten schon vor vielen Jahren ihre Aktivitäten ins Tessin.

Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Könnte euch auch interessieren
Mehr zu MEHR