Fall KAchelmann: Von Opfern und Tätern
Der Prozess und seine medialen Begleiterscheinungen waren ebenso bizarr wie das Intimleben Jörg Kachelmanns. Die Öffentlichkeit durfte Dinge erfahren, die sie nie wissen wollte.
Der Prozess und seine medialen Begleiterscheinungen waren ebenso bizarr wie das Intimleben Jörg Kachelmanns. Die Öffentlichkeit durfte Dinge erfahren, die sie nie wissen wollte.
Von David Sieber
Insbesondere in Deutschland, aber auch in der Deutschschweiz fielen die letzten Schamgrenzen. Noch nie wurde offensichtlicher Checkbuch-Journalismus betrieben, noch selten wurde das Persönlichkeitsrecht so massiv verletzt. Die Medien steckten dafür Prügel ein. In- und ausserhalb der Branche wurde nach dem Freispruch mit dem Zweihänder argumentiert.
Jetzt zeigt sich: Die Kritik muss relativiert werden. Denn sowohl Kachelmann wie seine Ex-Geliebte konnten es nicht lassen, ihnen wohlgesinnten Presseerzeugnissen ausführliche Interviews zu gewähren. Sie in der «Bunten», die Zeuginnen auch schon mal mit pekuniären Mitteln zum Sprechen brachte; er in der «Weltwoche», die sich mit allen ins Bett legt, die sich von den «Mainstream-Medien» in irgendeiner Form ungerecht behandelt fühlen.
Sie tun das völlig schamlos und führen ihren Privatkrieg in aller Öffentlichkeit weiter. Natürlich sehen sich beide als Opfer und keinesfalls als Täter. Dabei sind sie beides. Schuldig der Manipulation der Medien und Opfer derselben. Ihre Kritik an der Berichterstattung während des Prozesses ist verlogen, denn sowohl Kachelmann wie seine Ex-Geliebte nutzten alle nur erdenklichen Plattformen, um die öffentliche Meinung zu ihren Gunsten zu beeinflussen.
Das entlässt die Medien jedoch nicht aus ihrer Verantwortung. Nur zu gern haben sich einige Redaktionen vor den Karren der einen oder andern Partei spannen lassen. Schlagzeilen so dick wie Balken vor den Augen machten sie blind für medienethische Grundsätze. Im harten Kampf um Auflage und Aufmerksamkeit liessen sie sich bereitwillig missbrauchen.
Ob nun Kachelmann getan hat, was ihm angelastet wurde oder nicht, bleibt ungeklärt. Ob die Ex-Geliebte tatsächlich Opfer sexueller Gewalt geworden ist oder aus enttäuschter Liebe gehandelt hat, ebenfalls. Auch ein allfälliges neues Verfahren wird kaum Licht ins Dunkel bringen. Deshalb ist es an der Zeit, sich von dieser privaten Tragödie abzuwenden. Von Kachelmann will man höchstens noch den Wetterbericht hören.
dsieber@suedostschweiz.ch
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