Eine Lüge mit immer noch zu langen BEinen
Ins Gefängnis müssen ein General und ein Polizeioffizier. Aber verurteilt wurden in Den Haag gestern Staatsgründer Franjo Tudjman und seine Politik. Klar, deutlich und ohne Not haben die Richter ausgesprochen, dass nur der Tod den ersten Präsidenten Kroatiens vor einem Schuldspruch bewahrt hat.
Ins Gefängnis müssen ein General und ein Polizeioffizier. Aber verurteilt wurden in Den Haag gestern Staatsgründer Franjo Tudjman und seine Politik. Klar, deutlich und ohne Not haben die Richter ausgesprochen, dass nur der Tod den ersten Präsidenten Kroatiens vor einem Schuldspruch bewahrt hat.
Von Norbert Mappes-Niediek
20 Jahre nach dem Zerfall Jugoslawiens hat das Tribunal die Lebenslüge des Nachfolgestaats widerlegt.
Lange waren die Kroaten nur eine Minderheit gewesen, erst in Österreich-Ungarn, dann in Jugoslawien. In ihrer kollektiven Erinnerung waren sie die Zukurzgekommenen, verraten von allen Nachbarn. Tudjman wollte seiner Nation einen neuen Mythos schaffen. Die Kroaten sollten sich als grosses, siegreiches Volk fühlen. Da kam ein «Feldzug» gegen die Serben in der Krajina recht.
Aber das angebliche militärische Glanzstück war nur Show – und zugleich Verbrechen. Slobodan Milosevics serbische Armee zog sich kampflos zurück. Denn er und Tudjman wollten Frieden schliessen – nur auf Kosten der kroatischen Serben die Grenzen noch begradigen. Die Morde an wehrlosen Menschen in der Krajina erreichten zwar nicht die Dimension des serbischen Völkermords in Bosnien. Aber in der moralischen Qualität stehen sie ihm nicht nach.
Seit der Tat sind 16 Jahre vergangen, Tudjman ruht in einem pompösen Marmorgrab in Zagreb, und Kroatien begeht in Erinnerung an die Eroberung der Krajina noch immer jeden 5. August den «Tag der vaterländischen Dankbarkeit». Doch die junge Nation kommt heute auch ohne den Heldenkult aus, den ihr Gründungsvater so liebte. Die Veteranen, die jede Kritik an Kroatiens Rolle im Krieg zum «Verrat» erklären, brachten gestern in Zagreb gerade mal 2000 Menschen auf die Beine.
Geschlagen ist die Schlacht um die richtige Erinnerung zwar noch nicht. Am Ende aber werden die späten Anhänger Tudjmans den Kampf um die Geschichte verlieren. Lügen haben bekanntlich kurze Beine. Historische haben einfach etwas längere.
zentralredaktion@suedostschweiz.ch
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