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Eine dysfunktionale Gesellschaft

Die Vorgänge im Haus des Horrors in Cleveland sprengen alle Vorstellungskraft. Wie Ariel Castro dort über ein Jahrzehnt lang drei erwachsene Frauen unbemerkt gefangen halten konnte, verlangt nach einer Erklärung.

Südostschweiz
10.05.13 - 02:00 Uhr

Von Thomas J. Spang

Irgendjemand muss doch etwas mitbekommen haben. Seien es die Schreie der misshandelten Frauen, das Plärren des Babys, die für eine Person arg reichlichen Lebensmitteleinkäufe oder ein hilfloser Versuch der Opfer, mit der Aussenwelt Kontakt aufzunehmen.

Das eigentlich Schockierende an diesem Verbrechen besteht darin, wie sehr es sich in den Alltag einer belebten Nachbarschaft einfügte. Unbemerkt und unbeobachtet. Ein Symptom für eine Gesellschaft, die sich bestenfalls als dysfunktional erweist. Wie sonst lässt sich erklären, das sich kaum einer wunderte, warum Ariel seine Fenster blicksicher abdunkelte. Oder niemanden einen Fuss in sein Haus setzen liess. Weder seine Verwandten noch die Mitglieder der Salsa-Band, mit denen er musizierte.

Denkbar scheint auch, dass die Polizei tatsächlich nicht auf Hinweise reagierte. Einwohner ärmerer Gegenden in den USA klagen immer wieder über zu wenig Ordnungshüter, lange Reaktionszeiten und schlicht Ignoranz. Umso mehr ragt die Zivilcourage des schwarzen Tellerwäschers Charles Ramsey heraus, der die drei Frauen aus dem Haus befreite. Als er die Hilferufe Amanda Berrys hörte, eilte er herbei und trat die Tür ein. Der Held von Cleveland sah etwas und handelte. Die leuchtende Ausnahme einer schrecklich düsteren Tragödie. Was hätte den drei Frauen erspart bleiben können, wenn früher jemand den inneren Ramsey in sich entdeckt hätte?

zentralredaktion@suedostschweiz.ch

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