Ein «Krieger» ist noch nie vom Himmel gefallen
Allen Unkenrufen zum Trotz habe ich mich nie als unsportlich angesehen. Eishockey, Fussball, Boxen, ja sogar Sumo-Ringen und Formel 1. Überall war ich zu Hause – aber halt nur passiv. Heute muss ich mir eingestehen: Aktiv bin ich wohl nur im Rauchen. Das allerdings äusserst erfolgreich.
Auch das bisschen Krafttraining und das Bemühen – ich rede ausdrücklich vom Bemühen – pro Tag 10 000 Schritte zu machen, täuschen nicht über die Tatsache hinweg, dass hier wortwörtlich mehr gehen muss. Nicht zuletzt, damit ich als werdender Vater körperlich auf der Höhe bleibe. Und auch mental, schliesslich dürfte so eine kleine Tochter dem Papa einiges abverlangen. Power Yoga solls deshalb sein. «Power Yoga verbindet als Ganzkörpertraining Elemente aus der Yogalehre mit dem westlichen Fitnessgedanken. Dabei werden in hohem Masse Kraft und Beweglichkeit trainiert, aber auch Gleichgewicht, Konzentration und die innere Ruhe», las ich im Vorfeld auf der Webseite mobilesport.ch des Bundesamts für Sport. Genau mein Fall.
Steif wie ein Brett
Es ist Montagabend. Der Computer hat seinen Dienst getan, jetzt bin ich an der Reihe. Im Churer Fitnesstower legt um 20 Uhr meine Power-Yoga-Gruppe los.
Kaum hat die Zumba-Gruppe das Feld geräumt, stürmen meine Mitturner den Raum. Mist! Mein erstes Ziel, möglichst die hintere Reihe zu besetzen, geht schief. Alles besetzt. Doch das dürfte in den nächsten 55 Minuten mein kleinstes Problem sein. Ich bewahre meine innere Ruhe.
Es geht los mit einer Art Meditation. Ganz nach meinem Gusto. Nach und nach lerne ich, was Power Yoga heisst. Ich nehme Positionen ein, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Und ich mache den Fehler, mich und meine Kolleginnen und Kollegen im Spiegel zu beobachten. Entspannt und gelenkig, die andern Teilnehmer. Steif wirke nur ich. Blutiger Anfänger halt, dazu noch untalentiert.
Nach fünf Minuten die nächste Ernüchterung. Milena, unsere (äusserst sympathische) Kursleiterin, erklärt, dass wir noch immer bei den Aufwärmübungen seien. Ich bewege mich seit Minute 1 am Limit. Das dürfte Milena nicht entgangen sein. Zwei, drei Mal schaut sie bei mir extra vorbei und gibt mir wertvolle Tipps bei den Ausführungen.
Den Stuhl (kräftigt Beine und Gesäss, zudem wird der Rücken aufgerichtet und gestärkt) beherrsche ich nun, ebenso die Liegestütze. Doch beim Baum und den Kriegern 1 bis 3 haperts noch. Wie bei der Atmung. Es sei wichtig, normal zu atmen, tief und bewusst. Keinesfalls den Atem vor lauter Anstrengung anhalten. Doch genau das passiert mir immer wieder.
Nach 55 Minuten ist die Lektion zu Ende. Und ich habe meinen inneren Frieden gefunden. Trotz aller Anstrengung: Die Lektion hat meinem Körper und Seelenleben gut getan! Engi-Zufriedenheitsindex: eine glatte 10.
Die WC-Schüssel sitzt (zu) tief
«Marios Wahl, die Power-Yoga-Stunde wöchentlich zu besuchen, wird ihm vor allem helfen, seine Beweglichkeit zu verbessern!» Das die Einschätzung der Experten bei einem Einstufungstest im Vorfeld. Daran habe ich keine Zweifel. Nur: Mit zwei Tagen Abstand auf die erste Lektion ist davon herzlich wenig zu spüren. Dafür vom Muskelkater, der mich in den Grundzügen des Alltags beherrscht. Nicht mal auf den WC-Topf kann ich mich beschwerdefrei setzen. Das Ziel des Muskelkaters ist klar: Er will aus mir einen Stehpinkler machen. Es wird ihm nicht gelingen. Genauso wenig wird er mich davon abhalten, die zweite Lektion Power Yoga zu besuchen.
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