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Eine gefühlte Bedrohung, 
die rasch real werden kann

Südostschweiz
19.03.16 - 08:00 Uhr
Politik

von Olivier Berger

Noch immer ist unklar, was in der Nacht vom 17. auf den 18. Februar passiert ist. «Es gibt nichts Neues», sagt Claudio Riedi, leitender Staatsanwalt des Kantons Graubünden. Klar ist damit weiterhin nur: Es gab einen sexuellen Übergriff (Ausgabe vom 7.  März) durch Asylbewerber. Vier der fünf möglicherweise beteiligten Personen sitzen wohl weiter in Untersuchungshaft; nach einem weiteren Beteiligten wird laut Riedi noch immer gesucht. Ereignet hat sich das Sexualdelikt im Umfeld des Bahnhofs Chur.

Ebenfalls am Bahnhof hat die Autorin eines Leserbriefs (Ausgabe vom 11. März) beobachtet, wie «zwei minderjährige Mädchen von einem ausländischen Mann aufdringlich verfolgt wurden». In den letzten Monaten hat sich besonders die Bahnhofshalle zu einem Treffpunkt von Menschen mit Migrationshintergrund entwickelt. «Es gibt tatsächlich mehr Meldungen mit Hinweisen auf verbale Belästigungen am Bahnhof», sagt der Churer Stadtpräsident Urs Marti.

«Die psychologische Wirkung»

Marti relativiert allerdings: Nicht jedem Hinweis liege auch wirklich ein Übergriff zugrunde. «Es ist auch die rein psychologische Wirkung von ganzen Gruppen von Asylbewerbern am Bahnhof, welche die Bevölkerung beunruhigt», sagt er. Zumal es sich dabei meist um junge Männer mit einem anderen kulturellen Hintergrund handle, sei die Verunsicherung verständlich. Verharmlosen will der Stadtpräsident das Phänomen aber nicht. «Wenn wir am Bahnhof nicht laufend polizeiliche Präsenz zeigen, kann die Situation rasch aus dem Ruder laufen.»

Ganz so weit ist es allerdings noch nicht, wie René Schuhmacher, Mediensprecher der Kantonspolizei Graubünden betont. Zwar habe es im Umfeld des Bahnhofs im laufenden Jahr zwei Sittlichkeitsdelikte gegeben. Eine eigentliche Häufung von Klagen über Belästigungen allerdings gebe es nicht. «Manchmal gibt es mehr Hinweise, manchmal weniger.» Zwar 
seien Bahnhöfe immer Brennpunkte, so Schuhmacher. «Der Bahnhof Chur gehört aber laut einem Ranking der SBB zu den sichersten der Schweiz.»

«Die Sache im Auge behalten»

Wieso es zu den Massierungen von Asylsuchenden am Bahnhof kommt, ist für Kantonspolizei-Sprecher Schuhmacher klar. Zum einen seien Bahnhöfe häufig Treffpunkte – nicht nur für Migrantinnen und Migranten. «Dazu kommt, dass es dort Gratis-WLAN und die Möglichkeit gibt, die Handys aufzuladen.» Kantonspolizei und insbesondere Fahndung seien aber präsent, vor allem zur Bekämpfung des Drogenhandels und für Personenkontrollen. Schuhmacher ist sich aber bewusst: «Es bleibt nicht viel mehr, als die Sache im Auge zu behalten, Schwerpunkte zu setzen und bei Ereignissen rasch zu reagieren.»

Prävention ist es auch, worauf die Stadtpolizei Chur in erster Linie setzt – etwa bei Personenkontrollen. «Wir wollen wissen, wer sich am Bahnhof aufhält», betont Marti. Das allerdings ist mit erhöhtem Personalaufwand verbunden. Marti warnt deshalb: «Schon heute wird es bei uns personell knapp, wenn wir gleichzeitig eine Verkehrskontrolle, einen Ersteinsatz wegen häuslicher Gewalt und eine Schlägerei gemeldet bekommen.» Der zusätzliche Arbeitsaufwand am Bahnhof bringt das ohnehin knappe Personalaufgebot vollends an seine Grenzen. Für Marti ist deshalb klar: «Ich werde beantragen, dass wir fünf bis sechs neue Stellen bei der Stadtpolizei schaffen.» Derzeit beträgt der Personalbestand der Stadtpolizei rund 75 Personen; schon heute leisten davon zwei Drittel Aussendienst.

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