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Ein umstrittener Wanderprediger

Der um­strit­te­ne His­to­ri­ker Da­nie­le Gan­ser tritt im Ho­tel «Bünd­te» in Je­nins auf – und das Pu­bli­kum liegt ihm zu Füs­sen. Er ist ein Wan­der­pre­di­ger, der mit al­len Was­sern ge­wa­schen ist. Auch mit trü­ben.

Daniele Ganser hat in Jenins zum Vortrag geladen. Archivbild

von Pierina Hassler

Volles Haus am Mittwochabend im Hotel «Bündte» in Jenins. Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser hält einen Vortrag zur Weltpolitik der USA. Das Publikum, das sich an diesem schönen Frühlingsabend in der Herrschaft versammelt hat, besteht aus auffällig vielen jungen Männern. In der Pause sagen sie später, der Ganser mache Lust auf Geschichtslektionen. Aus Frauen in den Vierzigern mit geschmackvollen Deux Pièce und aus Mittfünfzigern mit elegant geschnittenen Anzügen. Auf jeden Fall eine interessante Mischung, die Ganser anzieht.

Die Tafel ist angerichtet

Bevor Ganser mit seinem Vortrag beginnt, schaltet Organisator Aquapresén live auf der Bühne noch ein paar Werbeminuten. Die Firma aus Sevelen (St. Gallen), stellt Naturkosmetika aus «aktiviertem» Wasser her. Gegen Fussgeruch, zum Gurgeln, einreiben. Für Mensch, Hund und Katze, heisst es. Und natürlich gibts für die Zuschauer Müsterli.

Von der Kosmetika zur Politik, zu Gaddafi, zu Erdöl, zu Gold, zu den bösen Medien – Aquapresén-Moderatorin Elke Capilari versteht das Handwerk: Die reich gedeckte Tafel ist angerichtet, das Publikum in Stimmung gebracht. Daniele Ganser hat freie Fahrt.

Charmant, witzig, eloquent

Der Wilhelm Tell unter den Historikern – so nennt ihn Organisator Aquapresén, betritt die Bühne. Attraktiv, eloquent, charmant, witzig. «Siehst du, das ist der aus der ‘Arena’», flüstert eine Frau zu ihrer Kollegin. «Ich wollte den unbedingt mal live sehen.»

Stimmt, es ist der Mann aus der «Arena». In der SRF-Sendung vom 24. Februar zum Thema «Trumps Krieg» zeigte Moderator Jonas Projer dem Publikum eine E-Mail. Geschrieben hatte sie Daniele Ganser. Adressiert an die SRF-Sendung «Einstein», welche im Januar über Verschwörungstheorien berichtet hatte. Ganser war ein Thema, weil er die gängige Theorie zum Einsturz des World Trade Centers vom 11. September 2001 im New Yorker Stadtteil Manhatten anzweifelt. Ganser schrieb nach der Sendung auf Facebook, er habe jetzt live erlebt, wie die Presse funktioniere.

Das Wort «Lügenpresse» nimmt Ganser übrigens während seines Vortrags nicht in den Mund. Aber eins steht trotzdem ganz zu Beginn seiner Präsentation schon fest: Was das Publikum vereint, ist ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber den Medien. Und Ganser weiss, wie man dieses Misstrauen befeuert. Er zählt sogenannte Fake News auf und lässt sich dafür von den Leuten beklatschen. «Ich glaube denen sowieso nichts mehr», sagt ein Mann in der Pause. Mit «denen» meint er Zeitungen, Radio, Fernsehen.

«Obama hat keinen Friedensnobelpreis verdient, er ist ein Kriegsverbrecher.»

Aber seine Frau weiss jetzt genau, was ein Imperium ist. Ganser hat dies zuvor in epischer Länge erklärt. «Ich werde Amerika auf keinen Fall mehr Supermacht nennen», sagt sie. «Mit super meint man etwas Gutes, und die USA sind nicht gut. Die zetteln Kriege an.» Naja, so ganz hat sie Gansers Worte womöglich nicht verstanden. Aber etwas ist haften geblieben.

Gansers Vortrag über «die Weltpolitik der USA, gestern und heute» dauert gute zweieinhalb Stunden. Spannende zweieinhalb Stunden, findet das Publikum. Im Saal ist es vielen Leuten heiss geworden. Männer ziehen ihre Vestons aus. Frauen entledigen sich ihrer Seidenschals und der Deux-Pièce-Jacke. Ganser spricht und spricht … und auf sämtlichen der rund 200 Folien seiner Präsentation ist sein aktuelles Buch «Illegale Kriege» abgebildet. Am Schluss des Abends werden sich die Leute auf das Buch stürzen. Ein guter Redner, ein guter Geschäftsmann – daran gibt es nichts zu rütteln.

Das Publikum applaudiert

Ganser redet über das weltweite Kriegsverbot, das seit der Gründung der UNO gelte. Es gebe nur zwei Ausnahmen: Selbstverteidigung oder ein Mandat des UNO-Sicherheitsrats. Die Realität sei jedoch eine ganz andere, so Ganser. In der Vergangenheit und in der Gegenwart würden illegale Kriege geführt. «Es zeigt, wie die Regeln der UNO und vor allem das Kriegsverbot gezielt sabotiert wurden und welch unrühmliche Rolle hierbei die Länder der Nato spielen.»

Zwischendurch streut Ganser Sätze ein wie «Obama hat keinen Friedensnobelpreis verdient, er ist ein Kriegsverbrecher». Das Publikum applaudiert. Er weist darauf hin, dass die deutsche «Bild»-Zeitung Nato-konform sei. «Wenn die Nato einen Krieg führt, können Sie davon ausgehen, dass ‘Bild’ diesen Krieg lobt.» Das Publikum applaudiert. Selbstverständlich gebe er der Internetplattform «Russia Today» ein Interview zu seinem Buch. «Russland stand der Nato immer kritisch gegenüber.» Das Publikum applaudiert.

Vom Publikum geliebt

In der Wissenschaft sind Gansers Thesen nicht mehrheitsfähig. Dem Publikum im Saal des Hotels «Bündte» ist dies ziemlich egal. Der Wanderprediger wird weiterziehen. In ein nächstes Dorf, in eine andere Stadt, nach Deutschland und Österreich. Ganser heizt die Stimmung gegen die Medien an. Natürlich gehe es ihm um die Wahrheit, sagt er. Das Publikum liebt ihn für seine Wahrheit. Immerhin hat es an der Vorkasse 49 Franken und an der Abendkasse sogar 59 Franken dafür bezahlt.

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Wolfgang Reuss

So 19.03.2017 - 23:51

Erscheinen in der Südostschweiz nicht Artikel zuerst Online und nachher in der Papier-Zeitung?
Dieser Artikel über Dr. Daniele Ganser erschien in der Papierzeitung 17. März, und nun Online:
Zuletzt aktualisiert: 19.03.2017 - 19:00 Uhr
Warum das denn?
Wurde etwas "aktualisiert" seit der Papier-Ausgabe? Meines Wissens nicht. Oder ist die Somedia so stolz darauf, dass es Tage später halt nochmal online veröffentlicht wird?
Vorher bereits gab es Leserbriefe und Kommentare:
http://www.suedostschweiz.ch/leserbriefe/2017-03-17/die-medien-moegen-k…
http://www.suedostschweiz.ch/leserbriefe/2017-03-18/der-wahrheit-verpfl…

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