Werro gegen Hodgkinson – Duell als Weltrekordjagd
Die 800-m-Läuferin Audrey Werro bezwingt in Stockholm die Olympiasiegerin Keely Hodgkinson und läuft in neue Dimensionen. Das nächste Kapitel ihres Duells folgt spätestens im August bei der EM.
Als Audrey Werro am Sonntagabend die Ziellinie überquerte, riss sie nicht die Arme hoch. Sie schrie nicht. Sie schlug sich nicht auf die Brust. Die Freiburgerin schüttelte nur den Kopf. «Diese Zeit ist crazy», sagte sie später. Es werde dauern, bis sie das verarbeitet habe.
Die 22-Jährige hatte gerade eines der grössten Rennen der jüngeren Leichtathletik-Geschichte geliefert. In 1:53,98 Minuten siegte sie in Schwedens Hauptstadt über 800 m, pulverisierte ihren Schweizer Rekord um fast zwei Sekunden und wurde zur ersten Läuferin seit mehr als vier Jahrzehnten, die die magische Marke von 1:54 Minuten unterbot. Vor allem aber schlug sie jene Frau, die derzeit als Massstab über die zwei Bahnrunden gilt: Keely Hodgkinson.
Es war mehr als ein Sieg. Es war das vorläufige Highlight einer Rivalität, die den 800-m-Lauf in den kommenden Jahren prägen könnte. Audrey Werro und Keely Hodgkinson sind mit 22 beziehungsweise 24 Jahren noch jung. Beide treiben sich zu Leistungen an, die vor wenigen Monaten insbesondere für die Schweizerin noch kaum vorstellbar schienen.
Torun machte den Anfang
Bereits im März an der Hallen-WM in Torun liefen die beiden in einer eigenen Liga. Während der Rest des Feldes um Bronze kämpfte, machte das Duo Gold unter sich aus. Damals setzte sich die Olympiasiegerin und WM-Zweite durch. Die Schweizerin gewann Silber und sicherte sich ihren ersten Podestplatz an einem grossen Elite-Championnat. Audrey Werro verliess Polen zwar geschlagen, aber mit einer wichtigen Erkenntnis: Sie gehört nun definitiv zu den Besten der Welt. Und sie glaubt seither mehr denn je daran.
«Ich glaube, dass Kelly in der Lage ist, den Weltrekord zu brechen», hatte Audrey Werro Anfang Mai in Bern bei einem Medientreff erklärt. Wie sich nun zeigt, war dies keine Floskel, sondern eine ehrliche Einschätzung. Gleichzeitig fügte sie einen Satz an, der damals mutig klang und heute beinahe prophetisch wirkt: «Ich glaube auch, dass ich Kelly schlagen kann. Niemand ist unschlagbar.»