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Schweiz und Welt

«Wenn es zu ist, ist es zu und damit leben wir hier oben»

Südostschweiz
06.10.2020, 16:53 Uhr
12.05.2026, 16:56 Uhr

Am Montagnachmittag ist es beim Lukmanierpass zu einem Felssturz gekommen. Wie der Kanton Graubünden in einer Mitteilung schreibt, ist die Lukmanierstrasse aktuell (Stand Dienstagabend) im Abschnitt Tuf, kurz vor der Abzweigung Mumpé Medel, wegen Felssäuberungsarbeiten bis auf Weiteres für den gesamten Verkehr – auch für Fussgänger und Velofahrer – gesperrt. Eine Umfahrungsmöglichkeit bestehe nicht.

Zweiter Felssturz nicht ausgeschlossen

Ein Felspaket von rund 150 Kubikmetern sei gestern nach 15 Uhr hinuntergestürzt, erklärt Nadia Wielath, Öffentlichkeitsbeauftragte vom Tiefbauamt Graubünden, im Interview mit Radio Südostschweiz. «Der Schaden hält sich aber in Grenzen. Die Strasse und die Brücke wurden mit Ausnahme der Leitplanke kaum beschädigt.» Jedoch hätten Messungen vom Montagabend gezeigt, dass im Anrissbereich noch eine Felsmasse aktiv in Bewegung sei. Diese sei absturzgefährdet und müsse daher vor der Öffnung der Strasse noch abgetragen werden. Laut dem Kanton dauern die Aufräum- und Säuberungsarbeiten noch mehrere Tage, ein Öffnungstermin der Strasse stehe zurzeit noch nicht fest.

Steinschlag beim Lukmanierpass

Zwar eingeschränkt... 

Von dem Felssturz und der Strassensperrung betroffen, sind vor allem die Einwohner der Gemeinde Medel/Lucmagn. Rico Tuor, Gemeindepräsident von Medel/Lucmagn, erklärt: «Der Zugang zu Disentis ist unterbrochen und es gibt keine Umfahrung.» Daher habe schnell eine Lösung für auswärtig Arbeitende und die Schulkinder gefunden werden müssen.

«Wir haben einen Bustransport organisiert. Der Bus fährt von Curaglia bis Mumpé Medel. Von dort muss eine Viertelstunde zu Fuss nach Fontanivas gelaufen werden, wo ein Bus weiter nach Disentis fährt», sagt der Gemeindepräsident. Zudem müssten aber auch viele logistische Fragen abgeklärt werden. Wie etwa, wohin die Bauern ihre Milch nun zur Verarbeitung bringen, da die Disentiser Sennerei nicht erreicht werden kann. «Wir klären zurzeit ab, ob die Milch in Olivone verarbeitet werden kann. Es gibt nun verschiedene Sachen zu organisieren und es müssen Lösungen gefunden werden», so Tuor.

Eindrücke des Felssturz vom Montag. SO-REPORTER/M. COLUMBERG

...aber nicht unglücklich

Jemand, der die Situation auch hautnah miterlebt, ist Placi Venzin, Landwirt aus dem Tal. Zusammen mit seinem Sohn David führt er zwei Betriebe mit insgesamt 40 Mutterkühen, 40 Geissen und 30 Schafen auf einer Fläche von 60 Hektaren. «Gestern Nachmittag ereignete sich der Steinschlag. Bevor die Strasse gesperrt wurde, wurde für alle ein Rücktransport nach Hause organisiert.» Die Schüler seien sogar auf eine ganz spezielle Art – per Helikopter – nach Hause gebracht worden. Venzin empfindet die Auswirkungen des Steinschlages als weniger schlimm, als es den Anschein macht. «Wir fühlen uns nicht abgeschnitten. Richtung Süden können wir ja noch raus. Ausserdem ist es klar, dass wir am Berg leben und so etwas immer passieren kann.»

Schon 2019 ist auf der Lukmanierstrasse ein Steinschlag niedergegangen:

500 Kubikmeter Stein auf Lukmanier-Passstrasse

Dass die Menschen im Tal mit solchen Situationen vertraut sind, macht sich auch bei der Frage, ob der Dorfladen schon leer ist, bemerkbar. «Nein, der Dorfladen wurde nicht geplündert. Wir sind gut versorgt und die Lieferung von Produkten über die Südseite funktioniert gut», sagt Gemeindepräsident Tuor. Venzin bestätigt die ruhige Situation in der Gemeinde: «Die Regale im Dorfladen sind voll und wenn man am Berg lebt, besitzt man sowieso über Notreserven für mehrere Tage.»

Wann alles wieder beim Alten ist, könne niemand genau voraussagen. Grosse Sorgen machten sich die Menschen im Tal deswegen aber nicht. «Wenn es zu ist, ist es zu und damit leben wir hier oben», so Placi Venzin. Zudem habe die Sperrung auch eine schöne Nebenwirkung. Wie Venzin verrät, ist es aufgrund des fehlenden Passverkehrs nämlich viel ruhiger im Dorf und das wird von vielen Personen geschätzt. (paa)

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