Wenn die Amseln an Weihnachten singen
Wer sich vergangene Weihnachten mit einem Konzert auf das heilige Fest einstimmen wollte, musste nicht weit gehen, sondern nur das Fenster öffnen. «Ich habe die Amseln bereits vor den Weihnachtstagen singen gehört», erzählt Ueli Rehsteiner, Direktor des Bündner Naturmuseums. «Das war ungewohnt früh.» Rehsteiner bestätigt damit, was wohl vielen aufgefallen sein dürfte: Dass die Vögel mitten im Winter sangen, trillerten und pfiffen, als ob sie bereits den Frühling begrüssen würden. Genau das taten sie auf eine Art auch, wie Rehsteiner erläutert. «Es waren die extrem milden Temperaturen des jetzt zu Ende gehenden Winters, welche die Vögel singen liessen.»
Rehsteiner und sein Team vom Bündner Naturmuseum vereinen ein grosses Wissen über die einheimische Tierwelt. «Doch forschen, also systematisch Daten erheben, das machen wir nicht.» Der Museumsdirektor ist aber im steten Austausch mit Experten verschiedener einheimischer Tierarten. Und kann damit seine Beobachtungen mit aktuellem Fachwissen ergänzen. Zum Beispiel in Bezug auf die Vögel: «Einzelne Vogelarten, die bei uns heimisch sind, haben kein Problem mit einem milden Winter. Kohlmeisen und Spatzen kommen gut damit zurecht. Und Amseln sind besonders anpassungsfähig.» Vor allem letztere freuen sich darüber, wenn bei wenig Schnee und milden Temperaturen ihre Leibspeise fast ganzjährig verfügbar ist: die Regenwürmer.
Übereinstimmung stimmt nicht mehr
Gerade für Zugvögel aber sind milde Temperaturen im Winter ein Problem. «Ihr inneres System ist fein tariert», erklärt Rehsteiner. «Wenn sie zurückkommen, haben die Insekten, die sie fressen, genau das richtige Entwicklungsstadium.» Sind die Temperaturen hierzulande aber zu warm, entwickeln sich die Insekten früher als sonst und die Vögel finden nicht mehr ihre gewohnte Nahrung vor. «Vögel mit spezifischen Ansprüchen wie zum Beispiel der Trauerschnäpper haben dann ein Problem. Die Übereinstimmung zwischen dem unveränderten Zeitpunkt ihrer Rückkehr und dem Entwicklungsstand der Insekten stimmt nicht mehr», führt Rehsteiner weiter aus.