Tuchel und Kane sollen es für England richten
Seit 60 Jahren wartet England auf den zweiten WM-Titel. Mit Thomas Tuchel soll es wieder klappen. Viel hängt von Harry Kane ab. Zu viel?
An zwei Europameisterschaften kam England dem ersten Titel seit 1966 in den letzten Jahren schon nahe. 2021 unterlagen die Three Lions im Final gegen Italien (2:3 im Penaltyschiessen), 2024 im Final gegen Spanien (1:2). Trainer war, wie beim Einzug in die WM-Halbfinals 2018, Gareth Southgate, der nach dem verlorenen EM-Final 2024 zurücktrat.
Spätestens ab den 2000er-Jahren gehörte England an Welt- und Europameisterschaften oft zu den Titelanwärtern, doch die schmerzhaften Momente des Scheiterns rissen nicht ab. An der WM 2006 zerbrach die goldene Generation um David Beckham, Steven Gerrard, Frank Lampard und Wayne Rooney im Viertelfinal an Portugal, das Achtelfinal-Aus an der EM 2016 gegen Island steht als Tiefpunkt.
Das 1:2 gegen den Fussballzwerg, notabene nach früher Führung durch Wayne Rooney, ging als «Schmach von Nizza» in die Annalen ein. Für einmal liess sich kein unglücklicher Schiedsrichter-Entscheid, kein Penaltyschiessen und auch kein grosser Gegner als Grund vorschieben. Es war schlicht eine historische Blamage. Trainer Roy Hodgson trat umgehend zurück, die Niederlage wurde zum Sinnbild jahrzehntelanger englischer Selbstüberschätzung und Turnier-Enttäuschung.
Genie oder Narr?
Nun soll es Thomas Tuchel richten. Der 52-jährige Deutsche, wegen seines Flairs für taktische Finessen auch «The Professor» genannt, coachte zuvor Grossklubs wie Borussia Dortmund, Paris Saint-Germain, Chelsea und Bayern München. Als Nationaltrainer geht er ähnlich kompromisslos vor wie auf Klubebene, wo seine forsche Art auf Dauer zu Reibungen führte. In seinem WM-Aufgebot etwa nimmt er keine Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten. «Werden ihm seine mutigen Selektionen den Ruf eines Genies oder eines Narren einbringen?», fragt die BBC.
Zur Überraschung vieler Engländer fehlen in seinem WM-Kader unter anderen grosse Namen wie Phil Foden, Cole Palmer und Harry Maguire. Anstelle von Maguire, der bei Manchester United eine gute Saison absolvierte, nominierte Tuchel für sein erstes grosses Turnier mit den Engländern den polyvalenten Dan Burn von Newcastle United oder Leverkusens Jarell Quansah. Im offensiven Mittelfeld und auf den Flügeln entschied er sich neben Jude Bellingham, Bukayo Saka und Anthony Gordon für Morgan Rogers (Aston Villa), Eberechi Eze, Noni Madueke (beide Arsenal) und Marcus Rashford (von Manchester United an den FC Barcelona ausgeliehen).