Nach überwundenem Tief lockt für Marlen Reusser WM-Gold
Nach dem Einbruch bei der Tour de France nimmt Marlen Reusser wieder Fahrt auf. Voller Tatendrang reist die Bernerin zur Rad-WM nach Montreal, wo ihr gleich drei Chancen auf Gold winken.
«Bitte einsteigen, Vorsicht an den Türen und die Sicherheitsbügel nach unten ziehen!» Diese Durchsage hallt zwar nicht durch das Terminal des Flughafens Zürich, wo Marlen Reusser umgeben von einer Handvoll Journalisten entspannt in einer kleinen Lounge sitzt, bevor sie später das Flugzeug nach Montreal besteigt. Und doch würde sie irgendwie passen. Denn wer sich mit der 34-jährigen Bernerin beschäftigt, weiss: Reussers Radsport-Karriere fühlt sich an wie eine Fahrt im Rollercoaster. Nach steilen Aufstiegen und bejubelten Höhenflügen folgt auf der Achterbahn ohne Vorwarnung der nächste Sturzflug, nur damit sie sich kurz darauf wieder in atemberaubendem Tempo nach oben katapultiert.
Wie unberechenbar diese Dynamik ist, zeigt sich schon bei den kleinsten Alltagsszenen vor dem Abflug: Reusser nimmt eine Flasche Mineralwasser entgegen, dreht am Verschluss, und schon spritzt es unkontrolliert los. Hose nass, Polster nass, grosses Gelächter.
Doch schnell wird es wieder ernster um die Frohnatur aus dem Emmental, als sie auf den enttäuschenden Ausgang der Tour de France zurückblickt. Auf jenen Tag, an dem sie zunächst von der Konkurrenz abgehängt wurde, später stürzte und mit Tränen in den Augen auf dem Asphalt sass – im Wissen, dass nicht nur der Gesamtsieg, von dem sie während ihrer drei Tage im gelben Leadertrikot geträumt hatte, sondern auch der Podestplatz futsch war.
Dass sie sich danach wieder aufraffte und Seite an Seite mit ihren Teamkolleginnen die Rundfahrt zu Ende fuhr, spricht für ihren Sportsgeist. Der 14. Schlussrang gerät dabei zur Randnotiz. Vielmehr beschäftigte sie die Frage, weshalb ihr Körper sie wie schon im Mai beim Giro d'Italia im Stich gelassen hatte.