«Ich habe versucht, wie Roger zu sein»
Mit 19 Jahren ist Mirra Andrejewa Grand-Slam-Siegerin. In Paris spielt die Russin erstmals ihr ganzes, riesiges Potenzial aus. Auch, weil sie an Roger Federer denkt.
In ihrer Siegesrede nach dem überzeugenden 6:3, 6:2-Finalsieg gegen Maja Chwalinska bedankt sich Mirra Andrejewa bei ... sich selbst. Es ist ein Markenzeichen, das sie einst als Jux angefangen hatte, um die Zuschauer zum Lachen zu bringen. «Die Leute sollten sehen, wie lustig ich bin und wie viel Humor ich habe», erzählt sie lachend. Dann aber merkte sie: «Wieso sollte ich mir nicht danken? Schliesslich bin ich es, die die Arbeit macht. Ich bin es, die die Nerven spürt. So realisierte ich, dass es wichtig ist, mir zu danken.»
Die 19-jährige Andrejewa aus Krasnojarsk in Sibirien ist keine gewöhnliche Tennisspielerin. Bereits mit 15 Jahren gilt sie als eigentliches Wunderkind. Via Moskau findet sie den Weg nach Cannes, im Süden Frankreichs trainiert sie ab 2022 in der Akademie, in der schon Landsmann Daniil Medwedew gross wurde. Wimbledon-Achtelfinal mit 16, French-Open-Halbfinal mit 17, erstmals in den Top Ten mit 18, der Aufstieg erfolgt kontinuierlich, wenn auch vielleicht nicht ganz so schnell, wie manche dachten.
Mit Conchita Martinez zum Erfolg
Einen wichtigen Schritt macht Andrejewa vor zwei Jahren mit dem Engagement von Conchita Martinez. Die Spanierin verlor vor 26 Jahren im French-Open-Final gegen Mary Pierce, triumphierte aber 1994 in Wimbledon und führte bereits Garbiñe Muguruza als Coach zu zwei Grand-Slam-Titeln. Sie sei nicht immer einfach, verrät Martinez über ihren Schützling. Ins Detail will sie nicht gehen. «Aber es gibt Tage, da ist es schwierig. Da ist ihre Einstellung schwierig.» Eine Einschätzung, die Andrejewa im Übrigen durchaus teilt. «Ihr Potenzial ist aber riesig», so Martinez. «Und sie kann überall noch besser werden.»
Die grosse Aufmerksamkeit, die ihr seit jungen Jahren zuteil wird, störe sie auch nicht, im Gegenteil. «Ich mag es, auf Social Media zu sein», versichert die Russin. Sie hat aber einen Reifeprozess durchgemacht, das zeigen die letzten zwölf Monate gut. Im letzten Jahr scheiterte sie in Paris als haushohe Favoritin im Viertelfinal gegen die französische Aussenseiterin Loïs Boisson, die Nummer 361 der Welt. In diesem Frühling gelingt ihr die Hartplatz-Saison auch nicht optimal, doch auf Sand spielt sie skonstant tark. Und hat diesmal auch ihre Nerven im Griff.