Gut geklaut ist halb gewonnen
Gemessen an den äusseren Umständen – schwierige Topgrafie, keine Rohstoffe, kein Meeresanstoss sowie gelegen an der inneren Peripherie zwischen dem deutschen und dem französischen Block – habe die Schweiz eine denkbar schlechte Ausgangslage gehabt, führte Ziltner ins Thema ein. Ausserdem habe sie – ausser einem fast unregulierten Markt – keine der in vergleichenden Studien genannten Voraussetzungen für Reichtum aufgewiesen. Warum stieg die Alpennation trotzdem zu einem der reichsten Länder weltweit auf? Diese Frage sei ihm während seiner Aufenthalte in Südostasien immer wieder gestellt worden. So habe er schliesslich beschlossen, sich der Sache anzunehmen, beschrieb Ziltner die Ausgangslage. Dabei sei er zu ganz anderen Schlüssen gekommen, als was er noch in der Schule gelernt habe. Einer davon sei, dass die Schweiz gelernt habe, mit den Nachteilen zu leben und immer alles daran gesetzt habe, diese zu überwinden. Als Beispiel nannte er das Urnerloch. Dieser in den Jahren 1707/08 gebaute Verkehrstunnel sollte den Warentransport über den Gotthard erleichtern. «Das Saumwesen war wichtig, brachte aber nicht viel Geld ins Land», urteilte Ziltner dennoch.
Ganz anders sah es bei der Reisläuferei aus. Vom 13. bis ins 19. Jahrhundert hätten rund 1,5 Millionen Schweizer Söldner in fremden Diensten gestanden. «Um 1500 machten sie rund 12 Prozent der gesamten Schweizer Population aus.» Fast die Hälfte von ihnen kehrte nie wieder heim, doch mit Anderen kamen auch grosse Reichtümer und ein dem ausländischen Adel abgeschauter Lebensstil ins Land.
Eine weitere Exportindustrie
Export blieb in der Folge der Motor der Schweizer Wirtschaft. Dies habe auch für die Textilindustrie gegolten, eine weitere unter den vielen Geschichten, die den Reichtum der Schweiz ausmache, fuhr Ziltner fort. In den Anfängen war es nur die Kombination von Landwirtschaft und Heimarbeit. «So war die Bevölkerung bereits vor der eigentlichen Industrialisierung an Lohnarbeit gewohnt», erklärte der Privatdozent deren Bedeutung. Nachdem man ursprünglich mit einheimischen Fasern gearbeitet habe, habe die Textilindustrie bald Baumwolle und Seide importiert, veredelt und wieder exportiert. «Zeitweise war Glarus – man stelle sich das vor – das weltweite Zentrum für die Produktion bedruckter Baumwollstoffe.» Man habe sich dazu indische Techniken angeeignet, diese kopiert und weiterentwickelt. «Als die Weltwirtschaft im 19. Jahrhundert anfing, global zu agieren, kannte die Schweiz das schon seit einem Jahrhundert.»