Etappensieg und Leadertrikot für die Zeitfahr-Weltmeisterin
Marlen Reusser geht im Zeitfahren der Tour de Suisse volles Risiko ein und wird dafür doppelt belohnt. Sie sorgt für den ersten Schweizer Etappensieg und fährt am Sonntag im Leadertrikot um den Sieg.
Auftritte in der Heimat sind für Marlen Reusser immer etwas Besonderes. Ein Zeitfahren vor Heimpublikum erst recht. In Aarburg kam am Samstag noch eine weitere Komponente hinzu: Die Bernerin trug das Trikot der Weltmeisterin, auf ihrer Zeitfahrmaschine prangerten die Regenbogenfarben sowie die Sterne für den EM-Titel. Entsprechend gross war die Anspannung. Sie sei vor dem Start «super nervös» und «super aufgeregt» gewesen, erzählt Reusser.
Doch der Kampf gegen die Uhr ist für die Ausnahmekönnerin stets auch ein Kampf gegen den Schmerz – und die Frage, wie viel ihr Körper davon verträgt, um das Optimum herauszuholen. Im Ziel gesteht sie: «Heute habe ich die Schmerzgrenze sehr schnell gefunden und mich dann mit ihr angelegt.»
Über dem Limit, aber mit Bedacht
Für Reusser gab es auf dem gut 23 Kilometer langen Parcours nur eine Devise: volles Risiko. «Ich sagte mir vor dem Start: Lieber gehe ich völlig in die Luft, als dass wir es nicht probiert haben.» Und dieser Ansatz zahlte sich aus. Zwar sei sie im ersten flachen Streckenteil über dem Limit gefahren und habe im technisch anspruchsvollen Mittelteil etwas Vorsicht walten lassen. Dennoch distanzierte sie die zweitplatzierte Britin Zoe Bäckstedt im Ziel um elf Sekunden.
Die 21-jährige Tochter des früheren Paris-Roubaix-Siegers Magnus Bäckstedt gilt als Toptalent. Als Einzige konnte sie Reusser einigermassen Paroli bieten – und das nur einen Tag nach ihrem ersten Sieg auf der World Tour, den sie in Bad Ragaz im Sprint gefeiert hatte. Für Reusser kommt das nicht überraschend: «Ich dachte mir, sie ist in so guter Form und könnte das heute gewinnen. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn sie schneller gewesen wäre.»
Doch die Sekunden waren an diesem Tag auf Reussers Seite, besonders im Duell mit Elisa Longo Borghini. Dass sie der zweimaligen Giro-Siegerin, die Fünfte wurde, über eine Minute abnahm und die Italienerin damit auch an der Spitze der Gesamtwertung ablöste, kam für Reusser jedoch überraschend. «Ich rechnete damit, dass ich auf diesem Parcours vielleicht eine halbe Minute herausholen kann, wenn alles gut läuft.»