Auf der Überholspur ausgebremst – und wieder zurück
Geschwindigkeit prägt das Leben von Marlen Reusser. Nach Monaten, in denen sie immer wieder ausgebremst wurde, hat sie mit dem neuerlichen Sieg an der Tour de Suisse neues Selbstvertrauen getankt.
Es kann nie schnell genug gehen bei Marlen Reusser. Die gelernte Ärztin lebt auf zwei Rädern ein Leben auf der Überholspur. Im letzten Herbst erfüllte sie sich den Traum vom WM-Titel im Zeitfahren. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Karriere, die von Höhen und Tiefen geprägt ist. Dieses ständige Auf und Ab zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Zeit als Veloprofi.
Am vergangenen Wochenende stand die Frohnatur an der Tour de Suisse wieder auf der Sonnenseite – nach herausfordernden vier Monaten mit zahlreichen Stürzen und zwei mehrwöchigen Verletzungspausen. Statt sich auf die nächsten Ziele vorzubereiten, stand bei der Tempobolzerin aus dem Emmental plötzlich wieder alles still. Ähnlich wie 2024, als eine Long-Covid-Erkrankung ihre Olympiasaison inklusive Heim-WM jäh ausbremste.
Mental herausfordernd
Umso grösser war am Sonntag die Erleichterung nach ihrem dritten Gesamtsieg an der Tour de Suisse nach 2023 und 2025. Nicht nur, weil sie erneut die Stärkste war. Sondern auch, weil sie fünf Renntage ohne Sturz überstand. Die vielen Zwischenfälle in diesem Jahr hatten bei der 34-jährigen Bernerin Spuren hinterlassen. «Mental war das schon ein Thema», gesteht Reusser. Vor allem in den ersten Tagen hätten Unsicherheiten mitgeschwungen. Stürze anderer Fahrerinnen hätten gereicht, um sie aus dem Konzept zu bringen.
Erst in der Schlussetappe fand sie auf den Abfahrten wieder jenes Vertrauen, das sie vor ihren Verletzungen ausgezeichnet hatte. Statt im permanenten Vorsichtsmodus zu fahren, sei sie wieder in einen Flow gekommen, erklärte sie nach ihrem Triumph in Villars-sur-Ollon.
Ein Körper, der anders reagiert
Dass Reusser nach Rückschlägen so schnell wieder an die Weltspitze zurückkehrt, ist kein Zufall. Ihr Körper scheint anders zu funktionieren als jener vieler Konkurrentinnen. «Mein System ist sehr reaktiv – auf Training, auf Regeneration, auf alles», erklärt sie. Ihre Therapeutinnen und Therapeuten würden ihr regelmässig sagen, dass Behandlungen bei ihr deutlich schneller anschlagen als bei anderen. Trainingsblöcke zeigen rasch Wirkung, Verletzungen heilen vergleichsweise schnell.