Am Donezker Festungsgürtel wird sich Russland aufreiben

US-Vizepräsident Vance meinte kürzlich, die Verhandlungen um den russischen Krieg gegen die Ukraine und den Westen würden sich um «ein paar Quadratkilometer» Land drehen. Es ist leicht, Territorium kleinzureden, wenn man das Land anderer Menschen verschachert. Darüber hinaus hat der von der Ukraine kontrollierte Teil der Region Donezk nicht nur humanitären und politischen, sondern auch militärischen Wert.
Die Städtekette Slowjansk – Kramatorsk – Druschkiwka – Kostjantyniwka liegt an der Strasse, die die Millionenstädte Charkiw und Donezk verbindet. Slowjansk war 2014 der nördlichste Ort des von Moskau angezettelten russisch-ukrainischen Krieges. Kramatorsk ist ein wichtiges Industriezentrum, das Artillerierohre herstellen kann – ein technologisch anspruchsvolles Produkt.
Diese Städte gehören zur ukrainischen Ethnoregion Sloboschanschyna und nicht zum industriellen Donbass, der auf Kohle- und Eisenerzbergbau ausgerichtet ist. Die Bevölkerung der vier Städte des ukrainischen Donbass-Gürtels betrug vor dem Vollkrieg zusammen bis zu 400'000 Menschen. Die Gebiete nördlich von Slowjansk Richtung Charkiw und westlich von Slowjansk Richtung Stadt und Fluss Dnipro sind dünn besiedelt.
Militärisch bedeutet das: Wer diesen 50 km langen, dicht besiedelten Gürtel von Slowjansk bis Kostjantyniwka kontrolliert, hat bessere Bedingungen, um Militärpersonal zu stationieren und zu versorgen. Städte bieten guten Schutz in ihren Kellern, Beobachtungsmöglichkeiten sowie einen längeren Funkhorizont dank höherer Gebäude.
Die diesjährige Offensive hat einmal mehr bewiesen, dass die russischen Ressourcen begrenzt sind.
Stadtgebäude aus Beton und unterirdische Stadtinfrastruktur bieten Schutz vor feindlichem Beschuss und Möglichkeiten zum Manövrieren. In Städten lässt sich der Winter und schlechtes Wetter leichter überstehen als in Dörfern oder auf freiem Feld.
Auch das Gelände spielt militärisch eine wichtige Rolle. Die Agglomeration Slowjansk-Kramatorsk ist das westlichste Gebiet mit erhöhtem Geländeprofil. Das russische Militär profitiert bei seinen Angriffen seit Beginn des Vollkrieges vom Höhenvorteil der Anhöhen bei Horliwka und Popasna.
Höheres Gelände bietet Möglichkeiten zur Gebietsüberwachung, einen längeren Funkhorizont – wichtig für Drohnen – sowie grössere Schussweiten im Vergleich zu Truppen, die in Richtung höher gelegene Ziele schiessen. Letzteres ist besonders wichtig für Artillerie, Panzer und Scharfschützen.