Via Telefon in die Welt der Märchen eintauchen
Es ist ein besonderes Talent, über das Beatrice Nater verfügt: das Märchenerzählen. «Meine Mutter hat so lebhaft, begeistert und frisch von der Leber weg Märchen erzählen können, diese Fähigkeit wollte ich mir nach ihrem Tod auch aneignen – quasi als Erinnerung an sie», sagt die 62-Jährige.
Die Uznerin entschloss sich, bei der schweizweit tätigen Märchenpädagogin Elisa Hilty aus St. Gallen das Handwerk zu erlernen. Dieses will Nater nun weitergeben – gratis. In den vergangenen Tagen sei ihr des Öfteren durch den Kopf gegangen, dass sie mit ihrem Repertoire an Märchen und Sagen die Leute per Telefon erheitern könnte, sagt sie.
Trudi Gerster am Telefon
Ab kommendem Samstag nimmt sich Nater täglich zwischen 14 und 17 Uhr Zeit, um Anrufe entgegenzunehmen. «Die Erzählungen eignen sich für Jung und Alt», sagt sie. Unterschiedliches Publikum hat sie in der Vergangenheit bereits mit Auftritten in Restaurants, Pflegeheimen und Schulen erreicht. Aus den Erzählungen ziehen Kinder jeweils ganz andere Informationen als Erwachsene, weiss Nater.
Sie will dem Erzählen – gerade in der heutigen, vermehrt virtuellen Welt – wieder mehr Bedeutung beimessen. Dass das via Telefon funktioniert, wird schnell klar; spricht man mit ihr, kommt einem unweigerlich die Märchenkoryphäe Trudi Gerster in den Sinn. Naters herzliche Stimme, der St. Galler Dialekt – alles passt. Während des Telefon-Interviews bekommt man das Gefühl, dass man sich gerade eine Märchenkassette von Gerster anhört.
Für ihre Geschichten hat Nater extra einen Ordner angelegt, darin sind etliche Sagen aus der Region enthalten. Diese spielen in Uznach, Eschenbach, Gommiswald, Rapperswil‑Jona, Schänis, Glarus oder im Toggenburg. «Wegen des Ortsbezugs sind Sagen wichtige Kulturgüter», ist die 62-Jährige überzeugt. Beinahe vergessene Dialektwörter aus dem St. Gallischen, Thurgauischen und dem Linthgebiet, die Nater immer wieder einstreut, machen die Kulturgüter zu einem Kulturschatz.