Sucht in Zeiten von Corona
Seit sechs Wochen verharrt die Schweiz im Lockdown. Schulen sind geschlossen. Gearbeitet wird bestenfalls im Homeoffice. Auch das Leben neben der Arbeit spielt sich zuhause ab. Das läuft bei allen Familien schlussendlich auf dasselbe hinaus: «Ganz generell bedeutet der Lockdown für alle Familien das Gleiche. Es entsteht mehr Nähe als normalerweise üblich. Und somit auch mehr Konflikte», erklärt Michelle Halbheer, Autorin des Buchs «Platzspitzbaby». Halbheer wuchs bei ihrer heroinabhängigen Mutter auf und weiss aus eigener Erfahrung, was es heisst, in einem suchtbelasteten Umfeld zu wohnen. Auch Rahul Gupta, Chefarzt Spezialpsychiatrie der Psychiatrischen Dienste Graubünden (PDGR), bestätigt das Konfliktpotenzial des Lockdowns. «Die Spannung in der Familie steigt. Der Stresspegel steigt langsam, aber konstant.»
Besonders bei etwa durch eine Suchtkrankheit vorbelasteten Familien kann das zum Problem werden. «Mit dem Stresspegel steigt auch der Konsum», sagt Gupta. Der grosse Knall blieb bisher aber aus. «Das wird aber noch passieren», vermutet er. Gut, dass die PDGR auch von den Lockerungen des Lockdowns ab Montag profitieren kann. Denn in den letzten sechs Wochen durften, wie in allen Spitälern, nur noch Notfallbehandlungen durchgeführt werden. «Und eine Alkoholentwöhnungsgsbehandlung ist keine Notfallbehandlung», erklärt der Chefarzt. Gerade weil Gupta davon ausgeht, dass man die Folgen des Lockdowns noch länger spüren werde, sei es wichtig, dass die Angebote der PDGR wieder hochgefahren werden können.
Finanzielle Herausforderung
Der steigende Konsum ist nicht das einzige Problem. Besonders bei illegalen Drogen kämen noch weitere Herausforderungen dazu, erklärt Michelle Halbheer: «Die Grenzen sind zu, gewisse Stoffe sind nicht oder nicht mehr in der gleichen Menge verfügbar. Das spiegelt sich im Preis wider.» Vor dem Lockdown lag der Preis eines Gramms Heroin auf der Gasse zwischen 50 und 80 Franken, gemäss Margrith Meyer, Leiterin des Ambulatoriums Neumühle in Chur. Bei bestehender Abhängigkeit benötigen Heroinkonsumenten zwischen 0,5 und drei Gramm pro Tag, verteilt auf eine oder mehrere Injektionen. Wie hoch der Preis während dem Lockdown ist, ist unklar. Er dürfte durch die geschlossenen Grenzen aber um ein Vielfaches gestiegen sein.