Politischer Mord?
Schon jetzt, am frühen Morgen, wuseln die Städter betriebsam durch die Gässlein – schliesslich müssen die Buden für den bevorstehenden Andreasmarkt errichtet, Essen und Getränke eingeholt und allerlei Arbeiten verrichtet werden. Alles verläuft in geregelten Bahnen – nichts deutet auf das bevorstehende Grossereignis hin, das die Alpenstadt in den nächsten Tagen in Atem halten und ihren Namen in die weite Welt hinaustragen wird. Doch was war geschehen? Was war von solch politischer Brisanz, dass sich in Chur vor dem 9. Dezember über 150 Pressevertreter aus aller Welt zusammenfanden und sich das Hotel «Steinbock», das Post- und das Grossratsgebäude sogar dazu gezwungen sahen, Telefonzellen zur verbesserten Kommunikation einzurichten?
4. Februar 1936 in Davos
Um dies zu verstehen, muss ein Blick auf jene Ereignisse geworfen werden, die sich am 4. Februar 1936 in Davos zutrugen. An diesem Tag machte sich David Frankfurter, ein 26-jähriger Medizinstudent aus Bern, der bereits seit Ende Januar in Davos ausharrte, nach längerem Zögern auf den Weg zum Wohnort des nationalsozialistischen Gauleiters Wilhelm Gustloff. Kurz vor 20 Uhr wurde Frankfurter von Hedwig Gustloff, der Ehefrau des Gauleiters, hereingebeten und dazu angehalten, im Arbeitszimmer Platz zu nehmen. Als Gustloff wenige Minuten später zu dem ihm unbekannten Gast stiess, richtete Frankfurter eine Pistole auf den Gauleiter und gab vier Schüsse ab. Anschliessend überstellte er sich freiwillig der Davoser Polizei. Nach den Gründen für seine Tat befragt, gab Frankfurter, selbst Jude und vor einigen Jahren in die Schweiz emigriert, an, dass er etwas gegen die Gräueltaten der deutschen Staatsform habe tun müssen.
In den darauffolgenden Wochen und Monaten wurde die Tat in den nationalen und internationalen Medien breit diskutiert. Während sich die deutschen Medien in ihrer Verherrlichung des dienstältesten Auslandsgruppenführers Gustloff gegenseitig zu übertreffen versuchten, übte sich die Schweizer Presse darin, die Hintergründe der Tat herunterzuspielen, um so eine Politisierung der Ereignisse zu vermeiden. Schnell sollte sich zeigen, dass das nationalsozialistisch indoktrinierte Deutschland nicht gewillt war, den Fall auf sich beruhen zu lassen. Immer häufiger wurden Pressestimmen laut, die von Hintermännern, der «Schweizer Hetzpresse» und von einer Beteiligung der Schweiz an der in ihren Augen vom Widerstand organisierten Tat sprachen.