Mit Märchen etwas fürs Leben lernen
von Elvira Jäger
Müsste man eine Geschichtenerzählerin erfinden, sähe sie so aus wie Beatrice Nater. Die 60-Jährige empfängt einen mit klarem Blick und warmem Lachen, obwohl sie wenige Tage vor unserem Besuch mit dem Velo gestürzt ist und sich das Wadenbein gebrochen hat. Die Wohnung mit ihren Rot- , Orange- und Gelbtönen strahlt warme Behaglichkeit aus. Der Tee ist frisch aufgebrüht aus Lindenblüten, die in Uznach gewachsen sind.
Beatrice Nater, die als Seniorenbetreuerin arbeitet, hat eine Mission. Das alte Kulturgut Märchen und Sagen soll Kindern und Erwachsenen nähergebracht werden, damit es nicht verloren geht. Dafür tritt Nater alle paar Wochen irgendwo auf, sei es im Altersheim, in einem Schulhaus oder Restaurant, meistens begleitet von der Harfenistin Erika Zimmermann. Vor einigen Jahren hat sich Nater zur Märchenerzählerin ausbilden lassen. Eine Sage, so erklärt sie, habe im Unterschied zu einem Märchen einen wahren Kern und einen Ortsbezug. «Sie entstammt nicht der reinen Fantasiewelt wie ein Märchen.»
Die Venediger am Chüemettler
Als Kostprobe berichtet die Erzählerin vom Drachenloch am Chüemettler, wo einst Drachen und später die Venediger lebten, kleinwüchsige Männer, die Mineralien aufspürten. Beatrice Nater verwandelt sich, ohne dass sie auch nur eine Requisite in die Hand nehmen muss. Ihre Stimme hat plötzlich etwas Raues, Tiefes, ihre Stirn legt sich in Falten und man kann sich vorstellen, wie die Zuhörer ihr an den Lippen hängen und dem Ausgang der Geschichte entgegenzittern.
Gerade Märchen enthalten viele Lebensweisheiten, die uns immer wieder begegnen.»Beatrice Nater, Geschichtenerzählerin