Mit dem Cadillac nach Glarus Süd
Im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren spielten meine Kollegen und ich fast täglich Fussball oder Landhockey. Vor dem Ökonomie- und Wohngebäude unseres Nachbarn gab es einen gepflasterten Vorplatz, der sich geradezu zum Spielen anbot.
Der Anwohner hiess Herr Zimmermann. Als Pförtner, Butler und Chauffeur zugleich, diente er einer Fabrikantenfamilie, Besitzerin von verschiedenen Textilfirmen im Glarnerland. Sie residierte in Rapperswil an herrlicher Lage am See, ennet der Strasse in einer Villa und nicht da, wo das einfache Volk wie unsereins wohnte.
Das lang gezogene Haus, in welchem Herr Zimmermann mit seiner Frau lebte, hatte eine grosse Mauer ohne Fenster und zwei überdimensionierte Garagentore, in dessen Innern sich zwei schwarze Limousinen befanden. Eine davon war ein Cadillac. Um die Hausmauer hatten mich damals viele Buben beneidet, denn sie eignete sich vorzüglich für den Einmannfussball. Ich konnte stundenlang allein den Ball an die Mauer knallen. Ab und zu schaute Herrn Zimmermanns Frau aus dem Fenster und lächelte.
Wenn ihr Mann jedoch den langen schwarzen Cadillac aus der Garage fuhr, um ihn mit Politurpaste auf Hochglanz zu bringen, war das Fussballspielen tabu. Sozusagen ein ungeschriebenes Gesetz. Kurz darauf verwandelte sich Herr Zimmermann zum Butler in Sonntagskleidern. In seiner Chauffeuruniform sah er blendend aus. «Jetzt geht es wieder in den „Zigerschlitz», meinte er, «dahin wo die Berge bis zum Himmel reichen.» Aber davon wusste ich schon. Und auch, von wo die «Glarner Beggeli» herkommen. Denn ab und zu brachte er mir eines mit – Was für eine Delikatesse!
Herr Zimmermann hatte ein gewisses Faible für mich. Wohl deshalb durfte ich als neunjähriger Bub einmal mit ihm im schwarzen Cadillac ins Glarnerland fahren. Weshalb er die Hin- und Rückfahrt ohne die Herrschaften und ohne in Butleruniform vollzog, blieb mir stets ein Rätsel.
Ich musste hinten sitzen, vielleicht, weil ich noch zu klein war, um vorne Platz zu nehmen. Auf jeden Fall so, wie es die Herrschaften jeweils taten, auf einer weichen, samtenen Sitzbank mit Tischchen und einer kleinen Bar, welche aber leer war. Ich kam mir vor wie der Prinz von Monaco.