Metaphysisches Gruseln im Schnee
von Frédéric Zwicker
Als ich am Donnerstag abgeholt wurde, wusste ich nur, dass ich irgendwo in der Nähe von Ilanz ein paar Tage mit Freunden aus Schmerikon musizieren würde. Wo genau das Ferienhaus lag, in dem sie ihr Studio eingerichtet hatten, wusste ich nicht.
Es liegt in Pigniu in der Surselva. Dort hat es in den vergangenen Tagen so stark geschneit, dass Disentis wegen höchster Lawinengefahr vom Verkehr abgeschnitten wurde. Über das winzige Dörfchen Pigniu berichteten die Zeitungen aber schon vor zehn Jahren. Damals wurde es als das Dorf bekannt, in dem 100 Prozent der Stimmenden (neun Stimmberechtigte) Ja zur Minarett-Initiative gesagt hatten. In der Folge stieg die NZZ hinauf, um der Bevölkerung auf den Zahn zu fühlen.
In der Reportage wird erwähnt, dass die Bewohner von Pigniu dem «Lag da Pigniu» etwas zu verdanken haben. Hinter dem Dorf kommt nur noch dieser Stausee. Er sei der Grund, dass die Strasse nach Pigniu auch im Winter gepflügt werde. Der Pflug kam zwischen Donnerstag und Sonntag tatsächlich mehrmals täglich.
Als es einmal nicht geschneit hat, sind wir durch eine sagenhafte Wildnis, in der Tierspuren die einzigen Lebenszeichen waren, zum Stausee gestapft. Einmal hat das ganze Tal gedröhnt, als von einer Felswand eine Lawine den Wald hinunterging. Die Staumauer, die mit teils stehenden, teils liegenden Schachspiel-Bauern und Soldaten bemalt ist, wirkte wie eine Zivilisationsruine in einer postapokalyptischen Dystopie.
Als der Fahrer ausstieg und auf mich zukam, erwartete ich prophetische Worte.»
Das Bild stammt vom Engadiner Künstler Martin Valär. Er hat das Sujet gewählt, um an das Jahr 1799 zu erinnern. Damals marschierte General Suworow mit seinen Soldaten auf dem Rückzug vor den Franzosen über den Panixerpass von Elm nach Pigniu. Mir wurde erstmals klar, wie nahe Glarnerland und Bündnerland beieinanderliegen.