Der Mann, der vom Himmel fiel
von Stephanie Elmer
Die Geschichte habe ich oft gehört. Immer und immer wieder wurde sie erzählt. Stolz, mit einem Hauch von Abenteuer, dem der Klang von Ferne innewohnte. Dabei waren es vor allem lose Mosaiksteine, die sich erst viel später zu einem Bild vereinten. Der Mittelholzer. Der Flieger. Der Nebel, der Schnee, der Verlust der Orientierung. Der Absturz.
Am 22. März 1922 sollte der damals 28-jährige Walter Mittelholzer ein Flugzeug von Mailand nach Zürich fliegen. Über den Alpen wurde er von dichtem Nebel überrascht, die Sicht verschwand in einem grossen Weiss. Mittelholzer verlor die Orientierung und stürzte auf einem Schneefeld auf der Alp Riseten oberhalb von Matt ab. Schwer verletzt schleppte er sich durch die hereingebrochene Nacht, durch ein grosses Dunkel in die eiskalte Alphütte des Mittelstafels, um dort auf den nächsten Morgen zu warten. «Durch die Löcher des Hüttendaches blinzelten vereinzelte Sterne in meine Einsamkeit», wird er später in seinem Buch «Alpenflug» schreiben.
Mit dem ersten Tageslicht erkannte er, der passionierte Alpinist, die Berge des Sernftals. Nach einer langen Odyssee gelangte er irgendwann ins Tal und fand Hilfe. Später schrieb er darüber: «Wie ein Gespenst starrten mich die beiden Saaltöchter des kleinen Bahnhof-Gasthauses an, als ich in voller Fliegerausrüstung, den Sturzhelm über dem blutüberströmten Gesicht, zur Mitternachtsstunde in den Lichtkreis der Lampe trat.» In der Bahnhof-Gaststube lebte auch meine Grossmutter. Die Ereignisse dieser Nacht wurden in den folgenden Jahrzehnten immer wieder aufs Neue belebt.
Überirdisches Glück
Das Fliegen, das war Mittelholzers Passion. Vielleicht sogar schon Obsession. «Wog nicht die Verheissung und gar die Erfüllung dieses überirdischen Glücks den Einsatz des bisschen Lebens?» Diesen Satz schrieb Walter Mittelholzer rückblickend auf die Anfänge seiner Pilotenkarriere – wohl wissend, dass die Fliegerei damals nicht nur ein wundersames, sondern vor allem auch ein gefährliches Abenteuer war.