«Der Austausch über Bücher hat für mich was Beglückendes»
Arno Camenisch ist einer der bekanntesten Bündner Autoren, hat bislang elf Bücher geschrieben und gestaltet Lesungen, die den Zuschauern noch lange in Erinnerung bleiben. Doch bevor er hier zu Wort kommt, sollt ihr erfahren, wie es überhaupt zu dem Artikel kam, den ihr gerade lest:
Eine Liste über die Bücher, die ich – Redaktorin bei der «Südostschweiz» – gelesen habe, führe ich nicht. Aber ich weiss mit Bestimmtheit, dass es nur ein einziges Buch gibt, das ich dreimal von vorn bis hinten gelesen habe: «Die Shakespeare-Schwestern» von der Amerikanerin Eleanor Brown. Die Geschichte handelt von einer Familie mit drei erwachsenen Töchtern. Der Vater der drei Schwestern – sie heissen Rosalind, Bianca und Cordelia – ist Literaturprofessor, spezialisiert auf Shakespeare. Zuhause spricht er nicht viel, und wenn, dann nur in Shakespeare-Zitaten. Was anstrengend klingt, ist es auch. Seine drei erwachsenen Töchter gehen ganz unterschiedliche Lebenswege und finden sich alle wieder in ihrem Elternhaus ein, als die Mutter an Krebs erkrankt. Die drei Schwestern haben Erfolge gefeiert und sind gescheitert, wissen nicht so recht, wie es in ihrem Leben weitergehen soll, wollen unabhängig sein und sind es doch nicht.
Ich erkenne mich wieder
Jedes Mal, wenn ich das Buch lese, entdecke ich neue Handlungen und Charakterzüge, in denen ich mich wiedererkenne. Weil die drei Frauen so unperfekt sind und immer mal wieder an sich zweifeln, weil sie in kleinen Dingen Freude finden, weil es ihnen manchmal Mühe macht, über das zu sprechen, was sie am meisten beschäftigt, und weil sie gerne lesen. Die Shakespeare-Zitate, die Brown in den Roman einflicht, kann ich mir nicht merken. Aber das stört mich nicht. Browns Schreibstil ist fliessend und kurzweilig. Schade, dass der einzige Roman, den sie nach «Die Shakespeare-Schwestern» veröffentlichte, nicht an den Erstling herankommt.
Warum ich das alles erzähle? Weil ich immer dann, wenn ich ein gutes Buch lese, gerne mit jemandem darüber sprechen würde. Weil so viele Gedanken und Gefühle auftauchen, die nachhaltiger wirken würden, wenn ich sie mit jemandem teilen könnte. Weil ich sonst während des Lesens ein paar Tage lang mit den Protagonisten mitfiebere und in ihre Welt eintauche, nur um dann, wenn das Buch fertig ist, alles so schnell wieder zu vergessen.