Das Wandern ist der Lexi Lust
Ich glaube, es gibt keine Schweizer Eltern, die ihre Kinder nicht mindestens einmal im Jahr mit einer mehr oder weniger spontanen Wanderung überraschen. Und damit nerven.
Schritt für Schritt, Stunde um Stunde in der brütenden Hitze rumstiefeln, bloss damit man am Ende des Tages eine verbrannte Birne und Blasen an den Füssen hat. Den Blick den ganzen Tag auf den Boden gerichtet, sonst würde man ja stolpern, stürzen und den Abhang hinunterrollen, kann man das schöne Bergpanorama gar nicht mehr geniessen. Man marschiert im Gänsemarsch hintereinander, stundenlang, und die Zeit vergeht kaum. Die erste halbe Stunde redete man noch, dann ist alles ausgeredet oder der Atem zum Quasseln fehlt. Stille herrscht, die Bienen summen und die Gedanken schwirren. Bald fallen einem keine Gedanken mehr ein und es wird langweilig.
Kein Wunder sind die Kids nicht gleich Feuer und Flamme.
Erstaunlicherweise scheint Wandern zu den Freizeitbeschäftigungen zu gehören, die ab einem gewissen Alter akut interessant werden. Jahrelang als verhasste Alternative zur Badi angeschaut, erfährt Wandern zeitgleich mit dem Schulabschluss ein unmittelbares Upgrade.
Plötzlich steht ganz Instagram frühmorgens auf, um auf einem Berggipfel zu Frühstücken, und selbst die faulste Couch-Potato schnürt sich die Wanderstiefel. Ob es daran liegt, dass Berge einfach fotogen sind, oder ob die Mittzwanziger-Influenzer-Generation die Zeit in der Natur geniesst, weiss ich nicht.
In Märlitalen aufgewachsen, ist für mich Wandern nicht primär ein Sightseeing-Trip, sondern Sport. Als Wanderung bezeichnet werden darf nur, was über 700 Höhenmeter Anstieg hat und bei dem wenigstens ein bisschen Felsen und paar Steine auf dem Weg zu sehen sind. Ziel ist es, möglichst schnell hochzulaufen und nicht primär besonders gut dabei auszusehen. Während dem Laufen läuft man und läuft der Schweiss. Punkt. Fotos kann man dann auf dem Gipfel schiessen.