Das grosse Fressen
Von Susanne Turra
Amelia kommt langsam aus dem Wäldchen. Fast scheint es, als schlendere sie ein bisschen. Sie schaut umher. Überlegt. Dann hält sie die Nase auf den Boden. Und sucht nach Futter. Jamila bewegt sich auf der anderen Seite der Anlage. Sie nimmt ein kurzes Bad. Genüsslich. Und schüttelt sich. Meimo ist weiter unten zu sehen. Südlich. Er streift durch steiles Gelände. Verschwindet hinter grossen Steinen. Und taucht wieder auf. Sam ruht noch ein bisschen in der Innenanlage. Gemütlich. Behutsam. Erkundungsfreudig. Energisch. Aktiv. Freundlich. Neugierig. So sind sie. Die vierbeinigen Bewohnerinnen und Bewohner des Bärenlands Arosa. Allesamt europäische Braunbären. Es ist Mittwochmorgen, der Erste im September, bei der Mittelstation Weisshorn, auf 2000 Metern über Meer. Es ist ruhig und friedlich. Und es herbstet. Zeit für die Tiere, ein bisschen an Gewicht zuzulegen. Ein bisschen? Tierpflegerin Daria Jörg kommt um die Ecke. «Die Männchen legen knapp 100 Kilo zu bis zur Winterruhe», sagt sie und lacht. Dann verrät sie gleich den Menüplan. Momentan bekommt jedes Tier 15 Kilo Futter pro Tag. Rüebli, Randen, Äpfel und Birnen.
Rüebli, Randen, Äpfel und Birnen
Wobei das Gemüse nur ein Drittel ausmacht. Mit den Früchten wird begonnen, wenn die ersten Heidelbeeren da sind. «Anfangs Oktober gibt es nur noch Früchte», so Daria Jörg. «Und davon bis zu 30 Kilo für jedes Tier pro Tag.» Die Früchte werden klein geschnitten und überall im Gelände verteilt. So, dass die Bärinnen und Bären sie erst suchen müssen. Bären sind übrigens Allesfresser, ernähren sich aber zu 80 Prozent vegetarisch. Im Herbst fressen die Tiere auch sehr gerne Nüsse. Am liebsten Baumnüsse. Und sie tun dies auf ganz unterschiedliche Art und Weise. «Napa hat die Nüsse immer gleich mitsamt der Schale gefressen», erinnert sich die Tierpflegerin. «Meimo nimmt die Nuss in den Mund. Und etwas später spuckt er die Schale aus.» Und Amelia? «Sie achtet darauf, dass auf keinen Fall Nussschale in ihren Mund kommt», erzählt Daria Jörg und lacht. Genaugenommen frisst die Bärin die Nüsse im Liegen. Dabei legt sie die linke Tatze auf den Boden und rollt mit der rechten die Nuss darauf. Dann bearbeitet sie diese wie mit einem Nussknacker. Wischt mit der Tatze die Schale weg. Und verschlingt die geschälte Nuss mit Hochgenuss. «Es ist interessant, wie die Tiere ihre eigene Technik haben», sagt Daria Jörg und schmunzelt. «Wir sind gespannt darauf, wie Jamila und Sam Nüsse fressen.» Für die beiden ist es ja der erste Herbst im Bärenland.