Ausstellung in der Kantonsbibliothek Graubünden: Die Wissenschaft des Reisens
von Laura Kessler
«Reisen sei nichts anderes, als die Arbeit, fremde Länder zu besuchen und zu durchstreifen, und zwar nicht jedes beliebige, und auch nicht blindlings. Vielmehr soll man die Reisen auf sich nehmen, bei denen man in seinen Fähigkeiten etwas dazulernen oder üben kann, sodass man schliesslich tüchtig Erfahrung sammelt, oder solche Reisen, deren Nutzen in irgendeinem allgemeinen Nutzen liegt.» Hieronymo Turler hatte in seinem 1591 veröffentlichten Werk «De peregrinatione & agro Neapolitano libri duo» eine genaue Vorstellung davon, was Reisen sein soll: in erster Linie Arbeit, die einen Zweck zu erfüllen hat. Darin ist er sich mit Samuel Zwicker einig, der im 17. Jahrhundert das Reisen als «einen Ortswechsel (…)» bezeichnete, «(…) um dort irgendein Gut zu erwerben, das entweder dem Vaterland und den Freunden oder uns selbst nützlich sein könnte».
Heute ist das Reisen anders, wird anders definiert. Laut Duden ist es schlicht die Fortbewegung über eine grössere Entfernung. Obwohl: «Über Sinn und Zweck des Reisens wird auch heute noch diskutiert, einfach mit anderen Fragestellungen», sagt Vera Lütscher von der Kantonsbibliothek Graubünden. Sie kuratiert die aktuelle Ausstellung «Apodemik – über die Wissenschaft des Reisens», die noch bis am 10. März in der Kantonsbibliothek zu sehen ist.
Die Apodemik. Die Wissenschaft des Reisens. Eine tote Wissenschaft. Im 16., 17. und 18. Jahrhundert war sie aber hoch im Kurs. «In einer Zeit, in der aus allem eine Wissenschaft gemacht wurde»,bemerkt Vera Lütscher, während sie in eine der Vitrinen mit Reiseliteratur schaut. Die Apodemik war der Versuch, eine theoretische Grundlage für das Reisen zu schaffen. Es ging darum, durch eine wissenschaftliche Herangehensweise umfassende Informationen zu einem Land zu sammeln und festzuhalten. Passend für diese Zeit, in der es das Ziel der Humanisten war, das gesamte Wissen zu sammeln und an einem Ort zu konservieren. Ein bedeutendes Werk im 16. und 17. Jahrhundert stellte dann auch das «Theatrum Vitae Humanae», ein enzyklopädisches Werk von Theodor Zwinger, dar. Das Theatrum sollte alles Wissen vereinen. «So, wie Wikipedia heute», sagt Vera Lütscher. Die älteste Auflage mit 1500 Seiten ist in der Kantonsbibliothek ausgestellt.