Perspektivenwechsel
Von Susanne Turra
«All’ meine Berufe haben wahnsinnig viel mit dem Studieren von Atmosphäre zu tun. Damit, aus welchen Komponenten sich Atmosphäre zusammensetzt. Dieser Blick ist so drin in mir, dass ich das schon gar nicht mehr wahrnehme. Wenn ich meine Kompetenzen aufzähle, dann kommt dieser ganze gestalterische Bereich fast zu kurz. Weil ich das so verinnerlicht habe. Eine Qualität eigentlich, die man auch noch anders nutzen könnte. Und so sagen viele zu mir, du kannst doch einen ganz eigenen, neuen Beruf daraus machen. Aber das ist mir bislang noch gar nie eingefallen.» Das sagt Anja Fromm an jenem Dienstagnachmittag, dem ersten im Mai, in Almens. Sie sitzt hoch oben, am Ende des Dorfes, auf dem lindgrünen Sofa, vor dem ochsenblutroten Tisch in ihrer altehrwürdigen holzgetäferten Stube. Sie trinkt Tee und erzählt. Aus ihrem Leben. Irgendwo. Irgendwann. Mittendrin. Eine Geschichte ohne Anfang und ohne Ende.
Klein genug
In den 90er-Jahren kommt die damals 30-Jährige aus Deutschland in die Schweiz. Genaugenommen von Berlin nach Chur. Mit einem Grundstudium in Architektur und dem Diplom als Innenarchitektin in der Tasche. «Chur war mir damals klein genug», verrät Anja Fromm und lacht. Sie arbeitet zwei Jahre lang in Architekturbüros. Und dann geht sie zurück in ihr Heimatland. Nach Köln. Sie möchte noch kreativer arbeiten. Lernt den Theaterbetrieb am Schauspielhaus Bonn kennen und wird Bühnenbildnerin im deutschsprachigen Raum. Wenige Jahre später ein neues Angebot. «Man suchte eine Entwurfszeichnerin», erinnert sich Anja Fromm. Sie ist mit Freude bei der Arbeit. Kann sich schnell in Situationen hineinfinden. Und übernimmt Verantwortung. Das fällt auf. Und so kommt sie zum Film. Dort ist sie die nächsten 20 Jahre als Art Director im Szenenbild tätig. Das bringt sie durch Co-Produktionen in viele verschiedene Länder. Die Filmbranche löst Begeisterung aus. Trotzdem. Sie hat auch ihre Schattenseiten. «Das Filmgeschäft erfährt eine Glorifizierung, die nicht der Realität entspricht», betont die Szenenbildnerin. Der rote Teppich und berühmte Schauspielerinnen und Schauspieler sind nicht Teil des Alltags, in dem man auch in schmuddeligen Motiven herumläuft oder während des Ramadan in Abu Dhabi verzweifelt nach einem offenen Stoffgeschäft sucht.