Er macht nicht nur Kunst, sondern betreibt auch Churs kleinste Galerie
Am Ende unseres Gesprächs wirkt er plötzlich etwas besorgt. «Hoffentlich wird das jetzt nicht so ein Zeitungsartikel nach dem Motto ‹Vom Koch zum Künstler›», sagt Marco Piroddi, während wir die Jacken anziehen und den Wohnblock am Ortsrand von Zizers verlassen. Dabei wird genau andersherum ein Schuh daraus. Zwei Stunden lang haben wir ausgiebig über seine Kunst gesprochen, haben Bilder und Abbildungen betrachtet, biografische Stationen Revue passieren lassen, sogar in seinen Skizzenbüchern geblättert, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Und nun muss Piroddi auf den Bus Richtung Chur. Er fährt zur Arbeit. Als Koch und Küchenchef der Kulturbar «Werkstatt».
Man kann es drehen und wenden, wie man will. Piroddi führt diese zwei Leben. Oder besser gesagt: ein Leben, das beides beinhaltet – produktive künstlerische Tätigkeit und den Broterwerb in der Gastronomie. Als er sich vor bald acht Jahren dauerhaft in Zizers niederliess, wo seine Frau, die Tanzpädagogin Nadja Piroddi, als Primarlehrerin arbeitet, hatte in der Bündner Kunstszene nun wirklich niemand auf ihn gewartet. Die Felder sind seit Langem abgesteckt zwischen Kunstmuseum und städtischen Galerien. Jeder kennt hier jede und jeden, der Neuzugang ist bestenfalls ein unliebsamer Konkurrent. Man muss schon ein dickes Fell mitbringen, wenn man in der Kantonshauptstadt Fuss fassen will. Oder grossformatige abstrakte Gemälde in leuchtenden Farben, die zu sagen scheinen: Hey, Leute, hier bin ich, und das ist es, was ich mache. Unter den Bildern, die Piroddi in seiner ersten Churer Ausstellung vor dreieinhalb Jahren in einer Pop-up-Galerie in Bahnhofsnähe zeigte, waren auch Arbeiten aus Bern. Seine allerersten, nachdem er sich dort als Künstler gefunden hatte.
Den Malkasten im Gepäck
Diese Berner Zeit, in der er sich mehr als ein Jahr ausschliesslich dem Malen widmete, nennt Piroddi heute ein «Deep Dive», also das tiefe Eintauchen in eine Welt, die ihm völlig neu war. Gemalt hatte er bereits davor hin und wieder. «Aber mit Kunst hatte das nicht viel zu tun», erinnert er sich selbstkritisch. Dass er seinen «Tauchversuch» in der Bundesstadt überhaupt unternehmen konnte, verdankte er seiner Kochtätigkeit in der gehobenen Gastronomie. «Ich hatte ein bisschen Geld zurückgelegt – was fehlte, waren Leinwand und Pinsel.» Einen Malkasten mit Ölfarben besass er schon, irgendwann mal in Zürich gekauft. Sein erstes Gemälde: ein weiblicher Akt. Gibts den heute noch? Piroddi grinst. «Nein, den habe ich später übermalt.» Fasziniert von Gerhard Richters Rakeltechnik, habe er sich in die Abstraktion gestürzt. «Das lag mir: die Körperlichkeit der Farbe, die räumliche Gestaltung in die Tiefe, das Dynamische der Formen.»