Wenn Dörfler zu Ermittlern werden
Nein, die Polizei trägt auch diesmal nicht die wirklich entscheidenden Erkenntnisse zur Aufklärung des Falles bei. Oder besser: der Fälle, denn eigentlich sind es zwei. Wie schon in ihrem Debüt «Tod am Piz Beverin» lässt Rita Juon auch in «Tod in der Viamala», ihrem zweiten Kriminalroman, die ganz normalen Dorfbewohner aus dem Umfeld der Mordopfer mitermitteln. Wobei «ganz normal» auf Rösli Sjögren-Tscharner wohl nicht zutrifft. Sie, die geistig noch fitte Dame aus dem Thusner Altersheim, ist eine der zentralen Figuren im Buch, und dass ihr Mitbewohner Gerardo Mazzotta unter mysteriösen Umständen das Zeitliche gesegnet hat, ist ihr nicht Anlass zu Trauer, sondern zu Freude. Erstens, weil sie Mazzotta nie ausstehen konnte – und zweitens, weil der Todesfall im Heim einige Abwechslung im eher öden Alltag verheisst.
Zwei Tote nach elf Seiten
Die Maseiner Autorin Juon, von Beruf Software-Entwicklerin, spinnt in ihrem Zweitling erneut einen äusserst spannenden und komplex verwobenen Plot – und wer sich beim Erstling allenfalls noch darüber enerviert hat, der Mord geschehe erst nach beinahe 100 Seiten, kann beruhigt sein: In «Tod in der Viamala» sterben nur schon auf den ersten elf Seiten zwei Männer. Es ist – in der kurzen Einstiegsszene – ein Frühsommertag anno 1975, als Angelo Tataranni in der Viamala einen Mord beobachtet, vom Mörder entdeckt wird und diesem schwören muss, niemals davon zu erzählen. Und es ist ein Morgen 43 Jahre später, als die junge Pflegerin Julia im Thusner Heim den toten Mazzotta entdeckt. Und sofort merkt: Irgendetwas stimmt hier nicht.
Nicht friedlich eingeschlafen
Ihr Verdacht bestätigt sich rasch: Mazzotta, in seinen letzten Jahren geistig zunehmend verwirrt und seltsame Dinge aus der Zeit vor 40 Jahren erzählend, ist nicht friedlich eingeschlafen, er wurde erstickt. Ein Polizistenteam um Walter Buess und Meta Schäfer, beide dem Lesenden schon bekannt aus «Tod am Piz Beverin», nimmt die Ermittlungen auf. Bald stellt sich heraus, dass Mazzotta einen unehelichen Sohn hatte. Kommt dieser als Mörder infrage, weil er auf das Erbe des vermögenden, aber im Ort unbeliebten Alten spekulierte? Oder gar die legitime Tochter, die mit ihrer Firma in akuten Geldnöten steckt? Warum lässt sich Lucilla, die Frau des mittlerweile verstorbenen Angelo, zu Mazzotta nur entlocken, er sei «ein böser Mensch» gewesen? Hat es mit dessen Verhältnis zu seinem Sohn Robert zu tun, der an der Nadel hing und an einer Überdosis starb? Oder gibt es andere Gründe?