Vögel beobachten: Eine besondere Schatzsuche im Churer Fürstenwald
Wer Vögel beobachten will, muss viel Geduld mitbringen – wieso sich das Warten dennoch lohnt,erzählt Tom Bischof von Birdlife Graubünden. Wir haben ihn in Chur begleitet.
Tom Bischof ist erstaunt. Denn beim Waldhausstall in Chur entdeckt er schon bei der Anfahrt eine Rauchschwalbe. «Anfang September ziehen diese Vögel normalerweise nach Süden. Deshalb bin ich recht erstaunt, dass sie noch da sind», erklärt er. Ist man mit dem 40-Jährigen unterwegs, merkt man schnell: Hier spricht ein wahrer Vogelkenner. Kein Wunder: Tom Bischof ist als Geschäftsleiter von Birdlife Graubünden tätig, daneben arbeitet er für verschiedene andere Projekte im ornithologischen Bereich. Über seine Leidenschaft für Vögel wollen wir später sprechen; zuerst wenden wir uns nochmals unserer Entdeckung zu. «Da hier mehrere Rauchschwalben um das Gebäude herumflattern, vermute ich, dass sie irgendwo im Stall ein Nest haben», sagt er und versucht, einen Blick ins Innere zu erhaschen. Ein Nest kann er auf die Schnelle nicht ausfindig machen. Doch die Vogelbehausung dürfte ohnehin demnächst verwaist sein: Wie eingangs erwähnt, ziehen die Rauchschwalben bald gen Süden, zum Beispiel nach Ghana.
Wie aber wissen die Vögel nun, dass gerade jetzt Zeit ist, loszuziehen? Immerhin sind derzeit die Höchsttemperaturen alles andere als herbstlich. «Wie die Vögel genau merken, wann sie losziehen müssen, ist noch nicht vollständig erforscht. Wahrscheinlich aber merken sie an der Tageslänge, dass der Herbst naht und somit Zeit ist, loszuziehen.» Dass die gefiederten Tiere aber ihre Reise nach Afrika überleben, sei höchst ungewiss. «Von allen Nachkommen, die hier schlüpfen, überlebt nur ein kleiner Teil die ersten Monate und die Reise in den Süden. Falls es ein Vogel aber geschafft hat, kann er – im Falle der Rauchschwalbe – auch gut und gerne fünf bis acht Jahre alt werden.» Das sei aber noch nicht das Ende der Fahnenstange: Bei Möwen zum Beispiel könne das Höchstalter auch mal 20 Jahre betragen.
Hören statt Sehen
Doch zurück in heimische Gefilde. Beim Betreten des Fürstenwaldes dauert es nicht lange, bis Tom Bischof den ersten Vogel wahrnimmt. Ein flottes Gezwitscher kommt aus unmittelbarer Nähe. «Wir hören nun dieses sich wiederholende ‹Vice Vice›, das sehr wahrscheinlich von einer Tannenmeise stammt.» Er nimmt ein Buch hervor und schlägt eine Seite auf, die Abbildungen von verschiedenen Meisen zeigt. «Die Tannenmeise ist der Kohlmeise und der Blaumeise sehr ähnlich, hat allerdings eine geringere Grösse.»
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Wenn ich Vogelzählungen mache, verlasse ich mich oft nur auf das Gezwitscher.»
Tom Bischof, Geschäftsleiter von Birdlife Graubünden
Wie gut, dass die Abbildungen im Buch zu sehen sind. Denn in der Realität ist der Vogel nirgends sichtbar. Auf welchem Baum er genau sitzt, lässt sich nicht ausmachen. «Das ist aber nichts Aussergewöhnliches. Wenn ich Vogelzählungen mache, verlasse ich mich oft nur auf das Gezwitscher», erklärt der Birdlife-Geschäftsfüher und fügt an: «Für mich ist es auch genauso schön, den Gesang von Vögeln zu hören wie ihr buntes Gefieder zu sehen.»
Allerdings ist der Herbst nicht gerade die beste Zeit, um ein möglichst pompöses Klangkonzert aus dem Wald zu erhalten. «Die meisten Vögel geben ihren Reviergesang nur im Frühling zum Besten. Aber die Tannenmeise ist eine Art, die sprichwörtlich ihren Schnabel nicht halten kann», meint Tom Bischof und lacht. Um ganz sicher zu gehen, dass es sich auch wirklich um die vermutete Vogelart handelt, nimmt er ein Tablet hervor und öffnet eine App. «Mithilfe von KI erkennt diese Vogelstimmen und ordnet sie zu. Vor ein paar Jahren war diese Technologie noch nicht so zuverlässig, aber mittlerweile funktioniert es erstaunlich gut.» Der Vogelkenner sieht in solchen Hilfsmitteln durchaus Vorteile. Doch er selbst würde sich nicht nur auf die technischen Helfer verlassen. «Vogelgesang richtig zuzuordnen, ist ähnlich wie das Lernen einer Sprache. Nur schwieriger.» Zweifelsfrei geht dieser Lernprozess über Jahre und braucht somit einiges an Geduld.
Den Blick schärfen
Und somit wären wir auch beim eigentlichen Thema. Denn nicht immer begegnet man Vögeln so schnell wie am Anfang dieser Geschichte. Das zeigt sich auch, als Tom Bischof an einem etwas abgelegenen Plätzchen im Wald Platz nimmt und einfach mal zu lauschen beginnt. «Ja, die Vogelbeobachtung kann viel Geduld brauchen. Aber meist zahlt sich diese Geduld aus, und man wird belohnt.» Das Beobachten habe etwas Entschleunigendes und schärfe den Blick auf das, was man um sich herum vorfindet. «Manchmal erlebt man auch Sachen, die nicht alltäglich sind. Daher ist eine Vogelbeobachtung für mich auch eine Art Schatzsuche. Wenn ich nach Hause komme, bin ich mit vielen positiven Eindrücken gesättigt», meint der 40-Jährige.
Nicht alles sieht man sofort
Zurück in den Fürstenwald. Bald einmal ist ein Rascheln im Wald zu hören. «Das dürfte eine Singdrossel sein. Sie ist mit der Amsel verwandt und ist wohl gerade auf Nahrungssuche», erklärt der Birdlife-Geschäftsführer. Auf dem Speiseplan stehen bei ihr Regenwürmer, Schnecken und andere Kleintiere. Mit dem Feldstecher hält er nach dem leicht hüpfenden Vogel Ausschau – und entdeckt ihn.
«Hier im Wald sehen wir momentan aber nicht viele Vögel. Aufgrund der Saison wären momentan Feuchtgebiete spannender», erklärt Tom Bischof. Doch nur weil man Vögel nicht sehen oder hören kann, heisst das nicht, dass keine vor Ort sind. «Ich bin mir sicher, dass hier im Fürstenwald Hunderte Vögel um uns herum sind. Wir können sie bloss nicht gerade wahrnehmen.»
Begeisterung dank Exkursion
Dass er eine solche Faszination für Vögel hat, kommt nicht von ungefähr. «Ich war schon als Kind fasziniert. Als mich mein Vater mal auf eine Vogelexkursion mitnahm, wusste ich: Das möchte ich jedes Jahr machen!» Er hielt Wort und blieb den Vögeln treu. Mit 16 Jahren folgte ein Feldornithologiekurs. Später ein Bachelorstudium im Umweltingenieurwesen an der ZHAW, gefolgt von einem Master mit Vertiefung Biodiversität. «Als dann vor rund fünf Jahren die neu geschaffene Geschäftsstelle von Birdlife Graubünden ausgeschrieben war, war das das Perfekte für mich», blickt er zurück.
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99 Prozent aller Bauprojekte stellen aus unserer Sicht kein Problem dar.»
Tom Bischof, Geschäftsleiter von Birdlife Graubünden
Birdlife gilt als Umweltschutzorganisation und kann als solche vom Verbandsbeschwerderecht Gebrauch machen. Tom Bischofs Aufgabe ist es daher unter anderem, Bauprojekte zu begleiten, bei denen der Lebensraum von Vögeln tangiert werden könnte. «99 Prozent aller Bauprojekte stellen aus unserer Sicht kein Problem dar. Bei einigen müssen wir mit den Bauherren Kompromisse finden, und nur bei ganz wenigen müssen wir Einsprache erheben», erklärt er. Den Vorwurf, er sei in seiner Funktion ein Verhinderer, weist er zurück. Stattdessen sieht er sich eher als Anwalt der Natur.
Doch wieso haben eigentlich die Vögel eine eigene «Lobby»? Das sei historisch bedingt: «Früher gab es in fast jeder Gemeinde einen ornithologischen Verein. Birdlife Schweiz ist nun quasi die Dachorganisation all dieser Vereine. Wir sind föderalistisch aufgebaut mit kantonalen Sektionen und darunter den jeweiligen Vereinen mit vielen Freiwilligen in den Gemeinden und Regionen.» Ein Teil seines Jobs sei es deshalb auch, Netzwerke zu schaffen und die verschiedenen Gruppierungen zu unterstützen. Genau gleich wichtig wie bei den Verhandlungen mit Bauherren oder Behörden sei hier ein Gespür für Menschen. «Im Naturschutz zu arbeiten, heisst, mit Menschen zu arbeiten», lautet eine Lehre, die Tom Bischof aus seiner bisherigen Tätigkeit gezogen hat.
Lehrmeister mit Federn
Bei ihm scheinen aber Beruf und Freizeit auch etwas zu verschmelzen. So leitet er an Wochenenden immer wieder Vogelexkursionen oder nimmt daran teil. «Am 4. Oktober zum Beispiel werden wir auf dem Glaspass Greifvögel beobachten. Dort sitzen wir dann alle mit Klappstühlen und warten, bis die gewünschten Tiere erscheinen. Das kann aber gut und gerne mal drei bis vier Stunden dauern.» Auch hier gilt: Interessierte Menschen müssen viel Geduld aufbringen.
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Ich glaube, wir könnten in Sachen Geduld noch viel von den Vögeln lernen.»
Tom Bischof, Geschäftsleiter von Birdlife Graubünden
Doch wie ist es eigentlich mit der Geduld in der Vogelwelt? Müssen auch Piepmatz und Co. oft geduldig sein? «Definitiv», meint der Vogelexperte. «Zum Beispiel ein Mäusebussard, der auf seine Beute wartet. Oder ein Graureiher, der auch mal ewig lange am Ufer darauf wartet, bis er einen Fisch aus dem Wasser packen kann.» Während sich Menschen vielleicht schnell einmal langweilen und zum Beispiel zum Handy greifen, scheinen Tiere die Situation viel eher zu akzeptieren. «Ich glaube, wir könnten in Sachen Geduld noch viel von den Vögeln lernen», meint Tom Bischof und hält nochmals Ausschau nach einigen Vögeln. Hoffentlich wird die Geduld belohnt.