«Juden, seid fröhlich»
Dabei überzog er allerdings den vom Programm gesetzten Bogen um einiges. Mit «Ojfn Weg – Auf dem Weg» waren 4000 Jahre jüdische Geschichte versprochen worden. Kempin, Kantor innerhalb der jüdischen Gemeinde Frankfurt/Main (D), setzte schon bei der Schöpfungsgeschichte an. «Dieses Lied wird jeden Freitag in der Synagoge gesungen und leitet den Sabbat ein», erklärte er dazu und setzte damit den Rahmen für den folgenden wilden und sehr informativen Ritt durch die jüdische Geschichte. Schon beim zweiten Lied, bei dem es um den Auszug der Israeliten aus Ägypten geht, forderte Kempin das Publikum zum Mitsingen auf, das Melodie und Text sofort aufnahm und zurückgab. Der Kantor wagte sogar eine zweite Stimme dazu.
Es folgen Psalmen, das assyrische und das babylonische Exil sowie jüdische Weisheiten, auch mal mit einem dazwischen geschobenen Witz. Schwierig waren zwar die Umstände der Zeit, zu der sie entstanden waren, die Lieder selber zeugen von grosser Kraft, Freude und Lebensmut. Sie bieten eingängige Melodien und Texte, die Hilfe in schwierigen Zeiten sind. Das ändert sich auch bei der Zerstörung des zweiten Tempels, der Vertreibung aus Israel und den zahlreichen Fluchten, zu denen jüdisch Gläubige immer wieder gezwungen waren, nicht. Mal wichen sie der Verfolgung von West nach Ost aus, und dann wieder ging es in die andere Richtung. Auf diesen Umsiedlungen wurde das Hebräische mit Worten aus der jeweiligen Landessprache ergänzt, und im östlichen Europa entstand das auf dem Deutschen basierende Jiddisch. Mit etwas Aufmerksamkeit konnten solche Texte durchaus verstanden werden.
Lieder des Widerstandes
Die grundsätzlich lebensfrohe Stimmung der Musik änderte sich mit den Liedern aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Zornig und aufmüpfig klingen sie nun, in den Texten schreien die Juden ihren Peinigern ihren Widerstand entgegen: «Juden, seid fröhlich», heisst es in einem, und der auch körpersprachlich starke Kempin liess das Lied auf einer einzelnen widerspenstigen Note enden.