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Graubünden

Chur: Bankräuber trinkt nach dem Überfall seelenruhig ein Bier

Patrick Kuoni
10.07.2024, 11:00 Uhr
gestern um 12:16 Uhr

Ein Banküberfall kommt auch in der Bündner Kantonshauptstadt Chur nicht alle Tage vor. Und einer, wie er am 13. Februar 2020 verübt wurde, ist aus verschiedenen Gründen wohl heute noch vielen Bündnerinnen und Bündnern in Erinnerung geblieben. Ein Blick zurück auf einen denkwürdigen Tag, der glücklicherweise ohne Verletzte und mit einer schnellen Verhaftung des Täters endete. 

Der Überfall

Kurz nach 9 Uhr erhält die Kantonspolizei Graubünden einen Überfallalarm von der Graubündner Kantonalbank in Chur. Der Grund: Ein damals 55-jähriger Tscheche hat die Schalterhalle über den Haupteingang am Postplatz betreten. Er ist unmaskiert, trägt jedoch eine Schildmütze. Er zieht eine mitgeführte Schreckschusspistole und gibt zwei gegen die Decke gerichtete Schüsse ab. Er bedroht die sieben anwesenden Mitarbeitenden und vier Kunden. Der Täter fordert eine am Boden kauernde Bankmitarbeiterin auf, ihm Geld zu geben. Nach der Herausgabe von insgesamt 148'780 Franken verlässt er das Gebäude über den Hinterausgang in Richtung Poststrasse. Die GKB-Kundenhalle bleibt danach den ganzen Tag geschlossen, die anwesenden Kundinnen und Kunden und die Angestellten werden durch ein Care Team betreut. 

Das Bier danach

Danach folgt einer der Gründe, weshalb dieser Raub auch in der breiten Bevölkerung in Erinnerung bleibt. Denn der Täter versucht nicht, wie es in dieser Situation zu erwarten wäre, rasch Land zu gewinnen. Stattdessen flüchtet er nur in die nahe gelegene Reichsgasse. Dort begibt er sich in das Lokal «Ela Coffee and Cocktails». Die Pächterin wird später erzählen, dass der Mann relativ ruhig ihr Lokal betreten habe. Der Gast habe sich normal verhalten. Scheinbar macht der Überfall den 55-Jährigen aber durstig. Er bestellt im Lokal ein Bier. «Ausserdem sagte er, dass er Hunger habe, und fragte nach einem Schnitzel. Ich bot ihm Gipfeli und Kuchen an, er beliess es dann aber bei dem bestellten Bier», so die Pächterin. 

Die Festnahme 

Lange geniessen kann der Tscheche das kühle Blonde allerdings nicht. Bereits um ungefähr 9.20 Uhr stürmen rund 20 Polizistinnen und Polizisten das Lokal und verhaften den Mann. Andere Gäste sind zu diesem Zeitpunkt kurz nach der Öffnung noch nicht anwesend. Da zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar ist, ob ein Einzeltäter diesen Banküberfall begangen hat, durchsucht die Polizei das ganze Lokal. Kurz darauf findet die Polizei die Waffe des Täters in einem Abfalleimer neben dem Lokal. Dieses kann am Nachmittag wieder öffnen. Die Verantwortlichen beweisen dabei Humor, wie folgende Tafel beweist: 

Die Gerüchteküche 

Gerade weil der Täter nur einen kurzen Fussmarsch zurücklegte und sich dann seelenruhig beim Biertrinken verhaften liess, brodelt in den Tagen nach dem Überfall die Gerüchteküche. Kann es denn wirklich sein, dass sich ein Bankräuber nach einer solchen Tat einfach so ohne Flucht verhaften lässt? Angeheizt wird die Gerüchteküche durch den Fakt, dass genau am Tag des Überfalls in der Turnhalle des Churer Gefängnisses Sennhof ein Strafprozess unter grossen Sicherheitsvorkehrungen startete. Vor Gericht standen vier Räuber, die in Samnaun eine Bijouterie ausgeräumt hatten. Der Prozess wurde aus Sicherheitsgründen nach Chur verlegt. Vonseiten der Polizei wird dieses Gerücht im Nachgang nicht bestätigt. Auch wenn man auch auf ein solches Szenario vorbereitet gewesen sei. Eben wegen dieses Prozesses war die Polizei bereits mit einem Grossaufgebot ganz in der Nähe des GKB-Überfalls.

Der Prozess 

Ende August 2021 findet am Regionalgericht Plessur der Prozess gegen den Täter des Banküberfalls statt. Er wird in allen Punkten – Raub, Vergehen gegen das Waffengesetz, Vergehen gegen das Bundesgesetz über Ausländerinnen und Ausländer – schuldig gesprochen. Er wird zu 40 Monaten Gefängnis verurteilt und für zwölf Jahre des Landes verwiesen. 

Beim Prozess kommen auch Details zum Raub ans Tageslicht. So gibt der Täter an, sich bei der Bankmitarbeiterin, die ihm das Geld übergab, entschuldigt zu haben, «weil ich sah, dass sie Angst hatte». Der Tscheche ist Wiederholungstäter. Er hat deshalb schon einen erheblichen Teil seines Lebens hinter Gittern verbracht. Und zwar in halb Europa. Für den Staatsanwalt ist er deshalb von Beruf Räuber. Die Frage sei deshalb nur, wann und wo er nochmals delinquiere, und nicht, ob er es wieder tue.

Wie ebenfalls beim Prozess bekannt wird: Beim Täter spielen in seiner frühen Jugend Drogen und Alkohol eine grosse Rolle. Geprägt durch ein zerrüttetes Umfeld und den Kommunismus, wo er zur Arbeit gezwungen wurde, habe er nach dem Zusammenbruch des Kommunismus entschlossen, sich Geld von denen zu nehmen, von denen er glaubte, es spiele keine grosse Rolle. Der Richter fasst deshalb zusammen: Er sei intelligent und schlau, habe aber irgendwann beschlossen, einen falschen Weg zu gehen. Und: «Für uns sind Sie nicht der extrem Böse, aber wissen Sie, die Leute in der GKB hatten Angst, die konnten nicht wissen, dass Sie ihnen nichts tun und nur eine Schreckschusspistole dabei hatten.»

Die Serie
In unregelmässigen Abständen blickt unsere Redaktion in die Vergangenheit und erzählt die Geschichten von spektakulären oder speziellen Kriminalfällen aus dem Kanton Graubünden. 

Das war Teil 1 unserer Kriminalfälle-Serie. Alle weiteren Teile findet ihr zukünftig hier:

Bleibende Kriminalfälle Graubündens 

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