Fehmarnstrände in Davos
Es ist die dritte und letzte Station des sogenannten Kirchner Kubus. Bis Ende September werden darin fünf Werke des bekannten deutschen Expressionisten in Originalgrösse gezeigt. Dass das überhaupt möglich ist, sei einer Verkettung glücklicher Umstände zu verdanken, sagte Katharina Beisiegel, Direktorin des Kirchner Museums Davos, letzte Woche vor den Medien. Die überdimensionierten Wandgemälde – das Grösste ist nicht weniger als 4.15 Meter hoch – entstanden während eines Kuraufenthalts Kirchners 1916 in einem Sanatorium in Königstein im Taunus. Dort erhielt der unter Lähmungen der Extremitäten leidende Künstler im Rahmen seiner Therapie den Auftrag, die Wände des Treppenhauses des sogenannten Brunnenturms zu bemalen. «Kirchner schuf, was wir heute hier sehen in lediglich sechs Wochen», berichtete Beisiegel. Er stützte sich dabei auf Erinnerungen an eine letzte unbeschwerte Zeit auf der Ostseeinsel Fehmarn, die vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs abrupt beendet wurde. «Fehmarn war für Kirchner ein Inselparadies und blieb lebenslang sein Sehnsuchtsort.» Doch Kirchner schuf die Gemälde ohne eine schützende Deckschicht. So gingen sie unwiederbringlich verloren, als sie kurz vor dem Zweiten Weltkrieg – die Nazis hatten Kirchners Arbeiten als «entartet» deklariert und verfolgten sie entsprechend – übertüncht wurden. Doch hier griff wieder die von Beisiegel erwähnte Verkettung glücklicher Umstände: 1926 erkannte der damalige Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg, Max Sauerland, den Wert der Gemälde und beauftragte einen Fotografen, sie bildlich festzuhalten. Doch bis in die 1970er-Jahre verstaubten die dabei entstandenen Farbdiapositive unerkannt in einem Archiv des Museums.
Spannende Entstehungsgeschichte
Viele weitere Jahrzehnte mussten ins Land gehen, bevor die Technik dann soweit war, aus den alten Glasplatten wieder den Originalen nahe kommende Bilder machen zu können. Für eine Ausstellung im Kirchnerhaus Aschaffenburg, Kirchners Geburtsort, wurden sie auf Aludibond-Platten aufgezogen und in einem nächsten Schritt wieder in den Originalkontext eingesetzt. Möglich machte das der Nachbau des Brunnenturms durch die Technische Hochschule Aschaffenburg unter der Leitung von Jens Elsebach, Leiter des Fachbereichs multimediale und technische Dokumentation. «Es war ein aufwendiges Verfahren», sagte dieser und berichtete von der 360-Grad-3D-Technik, mit der der noch existierende Brunnenturm vermessen wurde. Anschliessend wurde er in Tafelschalung nachgebaut, und ein zwölf Tonnen schwerer und sechs Meter grosser Würfel entstand.