Zwischen Genuss und Abhängigkeit: Lernende setzen sich mit Sucht auseinander
Wann wird aus Konsum eine Sucht? Diese und weitere Fragen standen beim Forum für Lernende im Zentrum. Antworten gab es unter anderem vom Churer Street-Art-Künstler Fabian «Bane» Florin.
Wann wird aus Genuss Gewohnheit – und wann aus Gewohnheit Abhängigkeit? Diese Frage beschäftigt viele, die in der Gastronomie tätig sind. Genau deshalb setzte sich das Forum für Lernende heuer diesen Schwerpunkt. Der Anlass fand vergangene Woche zum 23. Mal im Hotel Schweizerhof Lenzerheide statt. Ziel ist es einerseits, junge Berufsleute aus Gastronomie, Hotellerie und Bergbahnen zusammenzubringen, andererseits ihnen gesellschaftliche Themen näherzubringen. Und dieses Mal stand die Frage im Zentrum, was Sucht und was Konsum ist. «Es ist ein schmaler Grat zwischen diesen Begriffen», meinte Marc Tischhauser, Geschäftsführer von Gastro Graubünden, in seinen einleitenden Worten.
Jahrelang in der Sucht gefangen
Wie schmal dieser Grat sein kann, erzählte der bekannte Street-Art-Künstler Fabian «Bane» Florin. Die Zuhörenden hingen ihm gespannt an den Lippen, als er von seinem Weg in die Drogen erzählte. Zu Beginn seiner Erzählungen zeigte er ein Bild von sich als Kind. «Ich bin gut und behütet aufgewachsen», hielt er fest. «Als ich in die Schule kam, begannen aber meine Sorgen.» Und ebendiese Sorgen versuchte er mit Drogen zu übertönen. «Mit 10 oder 11 begann ich mit Rauchen. Mit 12 kiffte ich das erste Mal, und mit 14 kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit Kokain.»
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Mit 10 oder 11 begann ich mit Rauchen. Mit 12 kiffte ich das erste Mal, und mit 14 kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit Kokain.»
Fabian «Bane» Florin, Bündner Künstler
Langsam rutschte er in die Abhängigkeit hinein. Das Problem umschrieb Bane so: «Drogen sind geil, sie geben Dir ein Gefühl des Wohlfühlens. Aber das hält nur für kurze Zeit an, bis man sich wieder den nächsten Schuss gibt», beschrieb er den Teufelskreis. Nachdem er eine erste Lehre als Zahntechniker abbrach und dann tiefer in die Sucht fiel, rutschte er in die Beschaffungskriminalität. Zwar habe er durchaus Versuche mit Entzügen gemacht, doch den Weg aus den Drogen fand er nicht so schnell. Auch nicht, als er wieder eine Lehre begann – als Koch. «Mein damaliger Chef und mein ‹Oberstift› waren aber auch drogenabhängig, und so geriet ich wieder in diese Mühle hinein», erzählte der Churer.
Das leere Glas wieder füllen
Mit 28 begann die Wende. «Ich wurde einige Male von der Polizei geschnappt. Irgendwann hiess es dann: Entweder du gehst dreieinhalb Jahre ins Gefängnis oder du machst eine Resozialisierung.» Dass das Schweizer Sozialsystem eine Wahlmöglichkeit kenne, sei aus seiner Sicht ein grosses Glück. Während der Therapiephase habe er sich drastisch von den Drogen lösen müssen. «Ich vergleiche diesen Prozess mit einem Glas. Für mich war das Glas lange Zeit mit Konsum, Hehlerei und Dealerei gefüllt. In der Therapie musste ich dieses Glas ausleeren. Danach war es aber leer, und ich musste neue Perspektiven finden.»
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Und plötzlich habe ich wieder Glücksgefühle erlebt. Das war ein krasser Moment in meinem Leben.»
Fabian «Bane» Florin, Bündner Künstler
In jener Phase habe er von jemandem ein Flugblatt in die Hand gedrückt bekommen, das Werbung für einen Graffiti-Workshop machte. «Ich habe früher schon mal einige Zeit lang illegal gesprayt. Daher dachte ich: Komm, geh doch da mal hin.» Seit Langem habe er dann erstmals wieder eine Spraydose in der Hand gehabt und sein erstes Bild gemalt. «Und plötzlich habe ich wieder Glücksgefühle erlebt. Das war ein krasser Moment in meinem Leben», blickte Bane auf diesen Wendepunkt zurück. «Mit Perspektiven und einem Traum konnte ich mir mein Leben sichern», sagte er über sich und gab den Anwesenden diesen Gedanken als Anstoss mit.
Gefühle nicht überdecken
Eine wichtige Begleiterin auf Banes Weg raus aus den Drogen war Suchtexpertin Margrith Meier. Die Betriebsleiterin des Ambulatoriums Neumühle der Psychiatrischen Dienste Graubünden war auch am Forum für Lernende. Zu Beginn räumte sie gleich mit fälschlicherweise verwendeten Begriffen auf: «Falls ihr das Wort ‹Junkie› braucht, streicht das aus eurem Wortschatz. Das bedeutet nichts anderes als ‹Abfall›. Und kein Mensch ist Abfall.» Ein zentrales Anliegen war ihr auch Folgendes: «Problematisch wird es etwa, wenn Konsum dazu dient, unangenehme Gefühle zu überdecken. Dann gilt: Frühzeitig Hilfe zu holen, ist eine Stärke und keine Schwäche.»
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Frühzeitig Hilfe zu holen, ist eine Stärke und keine Schwäche.»
Margrith Meier, Suchtexpertin
Selber Hand anlegen
Genau um solche Punkte ging es auch in den anschliessenden Workshops. Beim Modul «The fine line» (zu Deutsch: «Der schmale Grat») vermittelte Margrith Meier mit Kolleginnen Wissen zu Sucht und Konsum. In interaktiven Workshops, Gruppenarbeiten und einem sogenannten «Rauschparcours» konnten die Teilnehmenden ihr eigenes Verhalten reflektieren und diskutierten darüber, was einen verantwortungsvollen Umgang ausmacht.
1/5Kreative Adern: Lernende aus der Seilbahn-, der Hotellerie- und der Gastro-Branche setzten ihre eigenen Ideen um.Bild: Gastro Graubünden
In einem zweiten Modul zeigten Studierende der EHL Passugg und ein Team des Hotels Schweizerhof, wie man attraktive Mocktails, also alkoholfreie Cocktails, mixen kann. Und auch Bane war wieder gefragt: In einer Unterführung konnten die Lernenden unter seiner Anleitung eine Wand besprayen. Wie aus den Gesichtern der frischgebackenen Künstlerinnen und Künstler zu lesen war, sorgte dieser Programmpunkt für besonders viel Begeisterung.
Den Risiken durchaus bewusst
Doch zurück zum Kernanliegen des Tages. Wie gehen die Lernenden mit Süchten um? Zwei junge Frauen, die in der Pause gerade zur Zigarette griffen, gaben der «Büwo» bereitwillig Auskunft. «Bei uns rauchen fast alle», meinte die eine, die ihre Lehre als Köchin absolviert. «Ich habe sogar eine Zeit lang aufgehört. Wenn ich aber Pause machte und keine Zigarette hatte, fehlte mir etwas», erzählte die andere, eine angehende Hotelfachfrau. Und wie schaut es beim Alkohol aus? «Ja, das ist bei mir klar ein Thema. Ich arbeitete eine Zeit lang in einem grösseren Tourismusort. Da geht man abends oft in den Ausgang», sagte die erste, während die zweite Alkohol deutlich ablehnender gegenüberstand.
Alkohol oft in Griffnähe
Wie gefährdet ist denn die Gastro-Branche grundsätzlich, was Süchte anbelangt? Marc Tischhauser antwortet so: «Es gibt verschiedene Branchen, in denen man sich Suchtfragen bewusster stellen muss. Die Gastronomie ist klar eine davon. Denn wir arbeiten in einem Umfeld, in dem die Gäste eine gute Zeit haben und Alkohol oft in Griffnähe ist.» Hier sind wir also wieder beim schmalen Grat zwischen Konsum und Sucht. Der Gastro-Graubünden-Geschäftsführer nennt dazu ein Beispiel: «Wenn man als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter in einem Restaurant noch Stammgäste trifft, heisst es oft ‹Komm, nimm noch ein Glas mit uns›. In solchen Situationen Nein zu sagen, ist oft nicht einfach. Man will ja den Gast nicht enttäuschen oder unhöflich sein.»
Mittlerweile habe die Akzeptanz für Leute, die keinen Alkohol trinken möchten, aber zugenommen. «Und schlussendlich gibt es heute auch immer mehr Alternativen zu alkoholischen Getränken.» Was Marc Tischhauser den Lernenden noch mit auf den Weg geben möchte, ist, dass sie bei Sorgen nicht zu Suchtmitteln greifen sollen. «Wenn die Energie weg ist, können auch Sport, Musik oder ein gutes Gespräch helfen.» Gastro Graubünden sei eine Sensibilisierung hierzu sehr wichtig, unter anderem organisiere man auch Kurse hierzu und stärke den Austausch. Denn auf die Wanderung auf dem schmalen Grat begeben sich nicht nur Lernende, sondern Angestellte allen Alters.