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Wirtschaft

Die Anti-5G-Hysterie

10.06.2019, 04:30 Uhr
19.05.2026, 12:10 Uhr

Seit einigen Wochen könnte man meinen, das Ende der Welt stehe kurz bevor. Und herbeigeführt wird es von Swisscom, Sunrise und Salt mit grosser Unterstützung vom Bund. Die Waffe heisst: 5G-Mobilfunknetz. Da kämpfen spontan gegründete IGs, Einzelpersonen und Politiker mit einem Furor, wie man ihn sonst vielleicht von Impfgegner kennt. Die Strahlung steige durch 5G-Antennen ins Unermessliche, sei höchst gefährlich für Mensch und Tier und könne auf gar keinen Fall in der Nähe von Wohngebieten geduldet werden.

Dass die Strahlung, die den einzelnen Menschen tatsächlich trifft, aber vom Handy im Hosensack oder am Ohr ausgeht, blenden die Antennen-Gegner gekonnt aus. Bis zu 100'000 Mal stärker kann die Strahlung durch das Handy am Ohr lokal ausfallen, als durch die Strahlung, die von der Antenne ausgeht. Das sagt Umweltepidemiologe Martin Röösli, ein Wissenschaftler. Dies passiert ausserdem verschärft, wenn das Signal von der Antenne schwach ist und das Handy viel mehr Energie und Strahlung absondert, um eine stabile Verbindung herzustellen.

Sprich: Gibt es mehr Antennen, die von Handys ohne grosse Suchleistung angepeilt werden können, sinkt die Strahlung in der Nähe der Handynutzer drastisch ab. Oder noch einfacher gesagt: Mehr Antennen bedeuten weniger Strahlung an den Oberschenkeln oder Köpfen. Aus Angst vor schädlicher Strahlung müssten die 5G-Gegner also sofort um 180 Grad umschwenken und 5G-Antennen-Befürworter werden.

Ähnliches sagt auch ETH-Professor Jürg Leuthold, Vorsteher des Instituts für Elektromagnetische Felder. «Ich verstehe den ganzen Meis um 5G nicht ganz», sagte er vor einigen Wochen in der Sendung «TalkTäglich» bei Tele Züri. An der ETH wurden gegen 1000 Studien zu den Auswirkungen von Elektromagnetischer Strahlung auf den menschlichen Körper geprüft. Zwar gingen die Resultate dabei zum Teil sehr weit auseinander. Eines aber habe sich eindeutig gezeigt: «Je mehr Probanden in einer Studie eingeschlossen worden sind, desto weniger Effekte wurden sichtbar.» Sprich: Je zuverlässiger die Resultate einer Studie waren, umso deutlicher zeigten sich keine Auswirkungen auf den Menschen. Dazu kommt, dass mit dem 5G-Standard einzelne Geräte viel präziser angesteuert und die Intensität viel präziser auf den Bedarfsfall gesteigert und gesenkt werden.

Diese Woche hat uns ein Leserbrief erreicht, in dem sich jemand nun nicht Sorgen um unsere Gesundheit macht, sondern einen Antennenwald befürchtet, der unsere wunderschönen Ortschaften und die Natur verschandeln und uns dadurch die Touristen abspenstig machen würde. Und das sei natürlich mit aller Macht zu verhindern. Da wäre es doch konstruktiv, solche Antennen an Orten zu bauen, wo man sie nicht sieht – zum Beispiel im Innern eines Kirchturms. Aber das ist dann ja auch wieder nicht recht.

Und apropos Antennenwald: Man kann sich diesen «Wald» heute schon ganz einfach anschauen. Der Bund betreibt eine interaktive Karte, auf welcher sämtliche Funkmasten und Antennen der Schweiz markiert sind. Sollte sich tatsächlich ein Tourist mehr an einer Mobilfunkantenne stören als an schlechter Internetverbindung, so hat er der Schweiz längst den Rücken gekehrt. Die Logiernächtezahlen des letzten Winters sagen allerdings etwas anderes.

Wenn wir also einmal tief durchatmen, vom hysterischen Pferd runterkommen und der Wissenschaft glauben würden – wie wir das zum Beispiel beim Klimawandel auch tun (mit Ausnahme einiger Unbelehrbarer) – dann könnten wir sehen, dass ein stabiles, flächendeckendes 5G-Netz für uns ein wichtiger Wirtschaftsfaktor werden könnte.

 

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