«Das Gröbste der Krise ist überstanden»
Der Herbst ist gemeinhin jene Jahreszeit, in der die Konjunkturexperten mit ihren Prognosen besonders genau aufs kommende Jahr blicken. Wie geht es mit der Weltwirtschaft weiter? Welche Risiken gehen vom Brexit aus? Und kann die Schweizer Wirtschaft vom wieder erstarkten Euro profitieren? Daniel Kalt, seit sieben Jahren Chefökonom Schweiz bei der Grossbank UBS, hat sich am Rande eines Kundenanlasses in Chur den Fragen der «Südostschweiz» gestellt.
Herr Kalt, auf einer Schulnoten-Skala von 1 bis 6 – wie würden Sie den Zustand der Weltwirtschaft derzeit bewerten?
Daniel Kalt: Mit einer 5.
«Gut» also, warum reicht es nicht für eine 6?
Weil wir beim Wachstumstempo nicht an die früheren Boomjahre kurz vor dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007 herankommen. Damals legte die Weltwirtschaft um viereinhalb bis fünf Prozent pro Jahr zu. Derzeit wächst die Wirtschaft global um rund dreieinhalb Prozent. Aber auch das ist anständig. Positiv ist zudem, dass wir ein sehr breit abgestütztes Wachstum sehen: Alle grossen Volkswirtschaften befinden sich momentan in einer Wachstumsphase. Das hatten wir schon länger nicht mehr.
Ist es denn überhaupt realistisch, je wieder die Wachstumsraten der Boomjahre zu erreichen?
Das wird vermutlich schwierig. In den Vor-Finanzkrise-Jahren 2004 bis 2006 war die Weltwirtschaft «gedopt» durch ein exzessives Kreditwachstum und Übertreibungen an den Märkten.
Was sind derzeit denn die Haupttreiber des Wachstums?
In den USA ist der Konsum sehr solid. In Europa läuft die Exportwirtschaft gut. Und die grossen Schwellenländer Russland und Brasilien, die in einer Rezession waren, profitieren von den wieder steigenden Rohstoffpreisen. Generell ziehen zudem die Investitionen weltweit langsam wieder an – das hat in den vergangenen Jahren gefehlt.
Kann man sagen: Die Weltwirtschaft ist vom Krisenmodus in den Wachstumsmodus gewechselt?
Ja, das Gröbste der Krise ist überstanden. Allerdings steht nun noch die Entwöhnungsphase von der aussergewöhnlich expansiven Geldpolitik der letzten Jahre bevor. Insofern haben wir den Krisenmodus noch nicht ganz verlassen.
In den USA, Japan und in vielen europäischen Staaten wächst die Wirtschaft aber nur dank steigender Staatsverschuldung. Seit dem Jahr 2000 sind die Schulden in diesen Ländern stärker gestiegen als das Bruttoinlandprodukt.
Grundsätzlich ist das richtig. Ein Teil des Wachstums der letzten Jahre ist durch höhere Schulden erkauft worden. Vor allem bei den Staaten – auch in China übrigens – sind die Schulden gestiegen. In der Privatwirtschaft sehen wir zum Teil aber einen umgekehrten Effekt: In den USA haben sich die Unternehmen seit der Finanzkrise tendenziell eher entschuldet.
Wie sieht denn Ihre Prognose für 2018 aus?
Die Weltwirtschaft wird solid auf dem derzeitigen Niveau von rund dreieinhalb Prozent wachsen. Voraussetzung ist, dass die Notenbanken ihre Geldpolitik – wie bisher – sehr vorsichtig und behutsam normalisieren. Sprich, dass die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank (EZB) die Märkte weiterhin gut auf ihre nächsten Schritte vorbereiten.
Wo sehen Sie Risiken?
Es gilt sicher, geopolitische Risiken – etwa Nordkorea oder die Sezessions-Diskussionen in Europa – im Auge zu behalten. Im Vordergrund steht für die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte aber eindeutig die Politik der Notenbanken: Falls diese ihre Unterstützung über erwarten stark und aggressiv zurückfahren sollten und die Zinsen rasch erhöhen, wäre das für die Märkte sehr schmerzhaft. Das erwarte ich aber nicht, denn die Notenbankchefs Janet Yellen und Mario Draghi sind sich bewusst, dass sie damit die nächste Krise herbeiführen würden. Das will niemand – und darum gehen die Notenbanken auch homöopathisch vor.
Der Brexit und die drohende Abspaltung Kataloniens von Spanien, inwiefern könnte das die Wirtschaft in Europa treffen?
Ich denke, die positive Dynamik in der Konjunktur ist derzeit ausreichend stark, sodass solche Themen keine grosse Rolle spielen. Der Brexit wird zudem eine langwierige Angelegenheit. Ich kann mir vorstellen, dass es fünf oder sogar zehn Jahre dauern wird, bis das Wiederandocken der britischen Wirtschaft an den EU-Binnenmarkt sauber geschafft ist. Es ist wie im richtigen Leben: Die Scheidung kostet viel mehr als die Hochzeit (lacht).
Sie gehörten zu jenen Ökonomen, die grosse Befürchtungen bezüglich der Präsidentschaft von Donald Trump hatten. Vor einem Jahr warnten Sie in einem Zeitungsinterview vor «drohenden Handels- und Währungskriegen». Das war übertrieben.
Wir haben in den letzten Monaten alle gelernt, dass wir die Tweets von Herrn Trump nicht ganz für bare Münze nehmen müssen. Es wird viel angekündigt, aber nur wenig davon umgesetzt. Dabei wird Trump auch immer wieder vom Kongress ausgebremst. Das System der «Checks and Balances» in den USA funktioniert.
Blicken wir auf die Schweiz. Nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Januar 2015 stand der Franken praktisch ständig unter Aufwertungsdruck – die Nationalbank musste oft intervenieren. Diesen Sommer hat die Schweizer Währung dann innert Tagen zum Euro von 1.10 auf 1.15 Franken abgewertet. Was hat sich verändert?
Mit dem Sieg von Emmanuel Macron bei den französischen Präsidentschaftswahlen sind die politischen Risiken in Europa gesunken. Gleichzeitig sind sie in den USA gestiegen, nachdem Trump mit verschiedenen seiner Projekte im Kongress aufgelaufen ist. Zudem läuft der europäische Wirtschaftsmotor sehr gut, und die EZB erhält so die Möglichkeit, ihr Anleihenkaufprogramm langsam herunterzufahren. All dies hat dem Euro einen Schub verliehen.
Wird der Euro noch stärker?
Ich rechne eher mit einer Seitwärtsbewegung. Wobei die nächste EZB-Sitzung vom Donnerstag wegweisend sein könnte. Die Märkte erwarten weitere Informationen zum Tapering, dem Zurückfahren des Anleihenkaufprogramms. Wird ein klares Ende der Käufe absehbar – was ich nicht glaube –, dann könnte das den Euro beflügeln. Handkehrum: Sollte Draghi beim Tapering auf die Bremse treten, würde dies den Euro schwächen.
Ist der «Franken-Schock» vorbei?
Halbwegs, würde ich sagen. Bei 1.15 Franken spürt die Schweizer Wirtschaft sicher eine gewisse Entlastung. Ein wesentlicher Teil der Überbewertung zum Euro wurde abgebaut. Nicht zu vergessen: Die Schweizer Unternehmen haben durch den starken Franken in den letzten Jahren eine riesige Fitnesskur gemacht und stehen dadurch heute deutlich besser da.
Verleiht der schwächere Franken dem Tourismus auf den Winter hin einen Zusatzschub?
Ich denke schon. Vermutlich kommt der eine oder andere europäische Gast mehr, und der eine oder andere Schweizer macht nicht mehr in Österreich Ferien, weil diese dort teurer geworden sind.
Ein schwacher Franken verschafft der Nationalbank Spielraum für eine Anhebung der Zinsen. Ein realistisches Szenario bereits für 2018?
Es gibt eine kleine Chance, dass wir Ende 2018 einen ersten Einzel-Zinsschritt der Nationalbank sehen könnten. Denn die SNB ist sich sehr wohl bewusst, dass das extreme Negativzinsumfeld unserer Volkswirtschaft Kosten aufbürdet. Die negativen Zinsen sind schlecht für die Pensionskassen, das Sozialsystem, für die Banken – und sie kreieren Kollateralschäden im Immobilienmarkt, etwa in Form von Überkapazitäten. All dies muss die Nationalbank gegen die Vorteile abwägen, die ein schwächerer Franken bringt. Aber schliesslich wird die SNB ihre Zinsen immer erst im Nachgang der EZB erhöhen können: Es dürfte also Ende 2019, wenn nicht 2020 werden, bis wir in der Schweiz die Leitzinsen nur schon an die Nulllinie hochgeführt haben werden.
Wie geht es 2018 mit der Schweizer Wirtschaft weiter?
Mit der europäischen Wirtschaft, die rund läuft, und mit dem Franken, der sich abschwächt, gehen wir von einer leichten Wachstumsbeschleunigung auf 1,8 Prozent aus. Das ist für die Schweiz sehr solide – und wird möglicherweise zu sinkenden Arbeitslosenzahlen führen. Es läuft also rund.