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Themenwelten

Verbundenheit entsteht über ein gemeinsames Thema

Ein Projekt von FHGR, Andermatt Swiss Alps AG und Bregaglia Engadin Turismo zeigt: Community Building hält Bergdestinationen auch ausserhalb der Hochsaison lebendig.
online@suedostschweiz.ch
heute um 13:55 Uhr
22.05.2026, 16:23 Uhr

Prof. Dr. Lena Pescia, Sie haben das Projekt zum Community Building in Bergdestinationen geleitet.

Wie schätzen Sie die Durchmischung in Bündner Ferienorten ein? 
Aus dem Bauch heraus – ohne dass wir hierzu Daten erhoben haben  – habe ich oft den Eindruck, dass verschiedene Gruppen eher parallel nebeneinander als miteinander existieren. Die grössten Schnittmengen sehe ich noch bei Zweitheimischen, die sehr regelmässig vor Ort sind, oder bei Stammgästen, die über Jahre hinweg immer wieder in dieselbe Destination zurückkehren. Was  oft fehlt, sind gemeinsame Begegnungsmöglichkeiten, die ganz natürlich unterschiedliche Gruppen zusammenbringen.

Durchmischung ist ein Anliegen vieler Gemeinden. Warum sind Bergdestinationen besonders gefordert? 
Bergdestinationen sind in besonderem Mass von saisonalen Schwankungen betroffen. Während der Hochsaison herrscht viel Betrieb, doch dazwischen kehrt spürbare Ruhe ein. In den Zwischensaisons sind viele Läden, Restaurants und Freizeiteinrichtungen geschlossen. Diese starke Saisonalität erschwert oft das stabile soziale Leben, das Durchmischung  ermöglicht. Langfristig besteht die Gefahr, dass Destinationen, die sich in reine Saisonorte verwandeln, an Lebendigkeit  und Identität verlieren.

Wie können Destinationen dieser Entwicklung entgegenwirken?  
Dafür haben wir Ansätze aus dem Community Building genommen und gemeinsam mit den Projektpartnern Massnahmen für Andermatt und das Bergell  erarbeitet und umgesetzt. Die beiden Destinationen sind grundverschieden, das hat es sehr spannend gemacht. Andermatt hat in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung durchlaufen. Die Gemeinde hat viel neuen Wohnraum für Erst- und Zweitwohnungsbesitzende geschaffen. So entwickelte sich ein komplett neuer Dorfteil. Es stellte sich die Frage, wie sich dieser mit dem bereits bestehenden Dorf verbinden lässt. Im Bergell gibt es vergleichsweise wenig touristische Infrastruktur, ein klarer Bezugspunkt fehlte. Man stand vor der Frage, wie man die Identifikation von Ein- und Zweitheimischen mit dem sehr langgezogenen Tal stärkt sowie den Kontakt untereinander.

Wie schafft man Verbundenheit?  
Verbundenheit entsteht meist über ein gemeinsames Thema – das kann ein Interesse sein, aber genauso gut ein konkretes Problem oder eine gemeinsame Herausforderung. Ein Beispiel aus Andermatt: Dort fand sich eine Gruppe von Hundebesitzern zusammen. Ausgangspunkt war ein ganz praktisches Bedürfnis: Sie wünschten sich einen Ort, an dem sie mit ihren Hunden trainieren können. Daraus entstanden gemeinsame Treffen und schliesslich ein Hundesportpark. Die Verbundenheit entwickelte sich nicht, weil man sich gezielt vernetzen wollte, sondern weil man über ein gemeinsames Interesse in Kontakt kam und dann an etwas gearbeitet hat, das allen wichtig war. So entsteht Zusammenhalt und Vertrauen. Und selbst wenn der ursprüngliche Anlass wegfällt, bleiben Beziehungen bestehen. Man trifft sich weiterhin, vielleicht in einem ganz anderen Kontext. 

Wie sorgt man als Gemeinde oder Destination dafür, dass eine Initiative nicht aufgesetzt wirkt? 
Oft bietet es sich an, auf Bestehendem aufzubauen. Initiativen wirken dann authentisch, wenn sie aus realen Bedürfnissen heraus entstehen und an vorhandene Strukturen, Treffpunkte oder informelle Netzwerke anknüpfen. Neue Angebote sollten nicht als Fremdkörper wahrgenommen werden. So lag es im Bergell nahe, sich auf das künstlerische Erbe zu konzentrieren: Das Tal war und ist ein Anziehungspunkt für Künstlerinnen und Künstler, grosse Namen wie Giacometti oder Segantini werden sehr stark mit dem Bergell in Verbindung gebracht. Die Malschule, die 2023 ins Leben gerufen wurde, hat genau an diesem bestehenden Potenzial angeknüpft. Mit Unterstützung der Tourismusorganisation wurde das Angebot kommunikativ begleitet: Hinweise im Veranstaltungskalender, Plakate und einzelne Events haben zur Bekanntmachung beigetragen. So konnte sich die generationenübergreifende Community organisch vergrössern. Über Stiftungen konnten zudem kostenlose Malkurse für Kinder ermöglicht werden. Gerade Kinder sind ein enorm verbindendes Element: Sie bringen Eltern zusammen, schaffen Begegnungen und senken Hemmschwellen zwischen Einheimischen, Zweitheimischen und weiteren Interessierten. 

Was raten Sie Bergdestinationen, die einen ähnlichen Weg gehen möchten?  
Wichtig ist ein Bewusstsein dafür, dass Community Building sehr viel Zeit benötigt. Ob etwas funktioniert, lässt sich unmöglich voraussehen. Der Einfluss von Gemeinden oder Destinationen auf Erfolg oder Misserfolg ist begrenzt und hat mit der Qualität des Angebots oft nichts zu tun. Häufig sind es äussere Umstände, die man nicht beeinflussen kann – darunter sehr Banales wie das Wetter. Was wir immer wieder beobachten: Es braucht einzelne Personen, die andere mit ihrer Energie mitreissen. Oft reichen zwei oder drei engagierte Menschen, um etwas in Bewegung zu bringen. Gleichzeitig liegt darin auch eine Gefahr – denn solche Initiativen sollten auf mehrere Schultern verteilt werden, um langfristig tragfähig zu bleiben. Unsere Rolle ist es auch, zu ermutigen, Begegnungsmöglichkeiten zu erschaffen. Nur so lässt sich herausfinden, ob sie auf Anklang stossen. 

Gelungene Beispiele für Community Building 

Bike Kingdom, Lenzerheide, Arosa, Chur 
Das Bike Kingdom wurde ursprünglich aus einer Zielgruppenperspektive aufgebaut: Ziel war es, eine attraktive Infrastruktur und eine starke Marke für Bikende  aufzubauen. Diese Entwicklung zog und zieht neben Gästen auch Einheimische an. Die entstehenden Communities waren dabei kein primäres Ziel, sondern vielmehr ein Nebenprodukt der diversen Angebote und Events. Was zunächst aus Marketingsicht gedacht war, wurde Schritt für Schritt auch zu einem relevanten Angebot zur Verbindung zwischen Menschen vor Ort. Rechts ein Bild der Family Bike Vibes Arosa. (Bild: Arosa Tourismus) 

Malschule Panaläda, Bergell 
In seinem ehemaligen Elternhaus in Vicosoprano hat der Künstler Romano Giovanoli seine Malschule Panaläda eröffnet und bietet Kurse für Kinder und Erwachsene.  Dank der Unterstützung von Stiftungen kann er mehrere Kurse für Kinder und Jugendliche kostenlos anbieten und so einen Beitrag zur Kinder- und Jugendförderung im Bereich der Bildenden Kunst leisten. (Foto: Romano Giovanoli) 

Die FH Graubünden hat gemeinsam mit der Andermatt Swiss Alps AG und Bregaglia Engadin Turismo einen Leitfaden herausgegeben für Destinations-Management-Organisationen und Gemeinden, die lokale Gemeinschaften stärken möchten.

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