Verbundenheit entsteht über ein gemeinsames Thema
Prof. Dr. Lena Pescia, Sie haben das Projekt zum Community Building in Bergdestinationen geleitet.
Wie schätzen Sie die Durchmischung in Bündner Ferienorten ein?
Aus dem Bauch heraus – ohne dass wir hierzu Daten erhoben haben – habe ich oft den Eindruck, dass verschiedene Gruppen eher parallel nebeneinander als miteinander existieren. Die grössten Schnittmengen sehe ich noch bei Zweitheimischen, die sehr regelmässig vor Ort sind, oder bei Stammgästen, die über Jahre hinweg immer wieder in dieselbe Destination zurückkehren. Was oft fehlt, sind gemeinsame Begegnungsmöglichkeiten, die ganz natürlich unterschiedliche Gruppen zusammenbringen.
Durchmischung ist ein Anliegen vieler Gemeinden. Warum sind Bergdestinationen besonders gefordert?
Bergdestinationen sind in besonderem Mass von saisonalen Schwankungen betroffen. Während der Hochsaison herrscht viel Betrieb, doch dazwischen kehrt spürbare Ruhe ein. In den Zwischensaisons sind viele Läden, Restaurants und Freizeiteinrichtungen geschlossen. Diese starke Saisonalität erschwert oft das stabile soziale Leben, das Durchmischung ermöglicht. Langfristig besteht die Gefahr, dass Destinationen, die sich in reine Saisonorte verwandeln, an Lebendigkeit und Identität verlieren.
Wie können Destinationen dieser Entwicklung entgegenwirken?
Dafür haben wir Ansätze aus dem Community Building genommen und gemeinsam mit den Projektpartnern Massnahmen für Andermatt und das Bergell erarbeitet und umgesetzt. Die beiden Destinationen sind grundverschieden, das hat es sehr spannend gemacht. Andermatt hat in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung durchlaufen. Die Gemeinde hat viel neuen Wohnraum für Erst- und Zweitwohnungsbesitzende geschaffen. So entwickelte sich ein komplett neuer Dorfteil. Es stellte sich die Frage, wie sich dieser mit dem bereits bestehenden Dorf verbinden lässt. Im Bergell gibt es vergleichsweise wenig touristische Infrastruktur, ein klarer Bezugspunkt fehlte. Man stand vor der Frage, wie man die Identifikation von Ein- und Zweitheimischen mit dem sehr langgezogenen Tal stärkt sowie den Kontakt untereinander.