Die Mafia existiert – auch in Graubünden
von Simon Lechmann und Pierina Hassler
«Im Raum steht der Verdacht auf Geldwäsche und Verbindungen zur Mafia.» Diese Aussage ist knapp zwei Jahre alt und stammt von der örtlichen Polizei im Misox. Das Tal beherbergte damals 1600 Firmen, aber nur 8300 Einwohner. Diese aussergewöhnlichen Zahlen lassen sich dann so lesen: Auf fünf Misoxer kommt ein Unternehmen. Noch abstruser wirds dann, wenn man dieselbe Rechnung mit dem Dorf Grono macht: Auf 1000 Einwohner kommen rund 500 registrierte Firmen. Ein Schelm, wer solche Verhältnisse für bare Münze nimmt.
Mehr Schein als Sein, mehr Briefkasten denn Firma. Aber Briefkastenfirmen sind in Graubünden nicht per se illegal, das Missbrauchspotenzial ist entsprechend gross. Und schon sind wir mittendrin im schmutzigen Geschäft um dreckiges Geld. Denn da, wo dieses gewaschen wird, ist auch das organisierte Verbrechen nicht weit weg. Und deshalb liegen die örtlichen Polizisten im Misox mit ihrem Verdacht von Geldwäscherei und Spuren zur Mafia wohl goldrichtig.
Ansiedlung unerwünscht
Wenn es um Graubünden und das organisierte Verbrechen geht, spricht der bekannte Tessiner Mafiaexperte Paolo Bernasconi Klartext. «Es ist bekannt, dass Briefkastenfirmen der Geldwäscherei dienen», sagt er. Der ehemalige Staatsanwalt und Strafrechtsprofessor geht sogar noch einen Schritt weiter: «Seit gut einem Jahrzehnt spricht man von der sogenannten Quarta Mafia.» Das seien Organisationen, die ausserhalb Italiens operieren würden. Die organisierte Kriminalität habe sich von Süditalien in den Norden verschoben. «Und von der Lombardei, Veneto und Piemont über die Grenze ins Tessin und nach Graubünden.»
Wenn man über die organisierte Kriminalität rede, müsse man immer eine grosse Dunkelziffer berücksichtigen, sagt Bernasconi. Deshalb könne er zwar keine exakten Zahlen zu Graubünden liefern. Aber im Tessin und in Graubünden würden sich Hunderte Mafiamitglieder aufhalten. Typischerweise würde die Mafia eben «unterirdisch» operieren. Umso wichtiger sei eine starke Kontrolle. «Aber ich bin sehr besorgt und beunruhigt über die Tatsache, dass unsere Abwehr gegen die kriminellen Organisationen zu schwach ist.» Das erleichtere die Infiltration durch die Mafia auf Schweizer Boden. «Graubünden und das Tessin als Grenzkantone mit inbegriffen», so Bernasconi.
Wie einfach es für die Mafia ist, Graubünden über die Misoxer Briefkastenfirmen zu infiltrieren, beweist eine Aussage des damaligen Volkswirtschaftsdirektors Jon Domenic Parolini. Der Kanton sei sich der Entwicklung im Misox bewusst, sagte er am 22. November 2017 im «Tages-Anzeiger». Aber Briefkastenfirmen seien völlig legal. Es gebe einzelne Firmen mit kriminellem Hintergrund, um die sich die Polizei kümmere. Beim grossen Rest sei die Ansiedlung zwar nicht erwünscht, könne aber nicht verhindert werden.
Um die schwarzen Schafe zu finden, braucht es Spezialisten. Aber genau dort liegt der Hund begraben. «Ich befasse mich seit 50 Jahren mit der organisierten Kriminalität», sagt Bernasconi. «In dieser Zeit haben Staatsanwaltschaften und Polizeibehörden grosse Fortschritte gemacht. Aber die Banden sind eben noch viel cleverer.» Deswegen sei die Mafia den Schweizer Behörden immer einen Schritt voraus. Das organisierte Verbrechen habe sich gewandelt. «Die kommen nicht mit einem Sack voll Geld in die Schweiz, um es loszuwerden.» Alles funktioniere viel raffinierter. «Man spricht von den sogenannten Coletto Bianco, den weissen Kragen», erklärt Bernasconi. Damit seien Leute gemeint, die in der Masse untertauchen würden, quasi unsichtbar seien. Umso schwieriger, die Mitglieder auffliegen zu lassen.