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Politik

Falsches Geheul um den Wolf?

Die Lobby der Weidetierhalter samt ihren Glarner Mitgliedern will «falsche» Wölfe entdeckt haben. Diese müssten «entfernt» werden. Doch die Behörden sehen die Sache anders.
Martin Meier (mme)
18.12.2017, 05:00 Uhr
19.05.2026, 12:10 Uhr

Mitunter findet sich im Zug Interessantes: Wie eine liegengelassene Ausgabe der «Bauernzeitung», adressiert an die Abteilung Landwirtschaft des Departements Volkswirtschaft und Inneres in Glarus.

Interessant ist da der Frontbericht: «Geheul um ‘falsche’ Wölfe.» Die Vereinigung zum Schutz der Weidetierhaltung und ländlichem Lebensraum (VWL) will in der Schweiz solche nachgewiesen haben. Dies anhand von zwei eingereichten Proben von Schafrissen. In diesem Fall hätten die Kantone die Pflicht, die Tiere zu entfernen.

Auf ihrem Internetportal veröffentlicht die Vereinigung Bilder, die das unterschiedliche Aussehen solcher «weiterentwickelten» Wölfe beweisen soll. Dabei sind, so die VWL, «eindeutige Merkmale von Wolfs-Hunde-Mischlingen zu erkennen».

«Es gibt keine Mischlinge»

Dass sich ein Wolf mit einem Hund kreuzen kann, ist für Christoph Jäggi, kantonaler Jagdverwalter, nichts Neues. Schliesslich stamme der Hund vom Wolf ab. «Die Wissenschaft kennt noch andere Beispiele: von Haus- und Wildkatzen oder von Geissen und Steinböcken.» Klar aber sei, dass in der Schweiz noch nie ein Wolfs-Hunde-Mischling, ein sogenannter Hybrid, in freier Wildbahn nachgewiesen wurde. Das unterschreibt auch Reinhard Schnidrig vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) als oberster Schweizer Wildtierbiologe und Jagdinspektor: «In der Schweiz sind Hunderte von Speichelproben untersucht worden.» Dabei seien keine Anzeichen von Mischwesen aus Wolf und Hund festgestellt worden.

Zuhanden der kantonalen Jagdverwalter gibt Schnidrig schriftlich bekannt, dass es zwar möglich sei, dass auch in der Schweiz einmal optisch erkennbare Wolfs-Hunde-Mischlinge auftauchten. Entfernt werden müssten dann aber nur die Tiere bis zur zweiten Rückkreuzungsgeneration. Was das heisst, erklärt Jäggi: «Paart sich ein Wolf mit einem Hund, müssen nur seine ‘Kinder’ und ‘Grosskinder’ entfernt werden.»

Dies sei insofern von Bedeutung, so Schnidrig weiter, da es in den vergangenen Jahrtausenden immer wieder zu Kreuzungen zwischen Hunden und Wölfen und dadurch zu einer Übertragung von Genen gekommen ist.

Vereinigung ist eine Lobby

Kreuzungs-Gene will jetzt das Hamburger Institut Forgen im Auftrag der Vereinigung zum Schutz der Weidetierhaltung und ländlichem Lebensraum nachgewiesen haben. Nun muss man wissen: Die Vereinigung VWL versteht sich laut eigenen Worten als Lobby der Weidetierhalter gegenüber den Grossraubtieren. Da Einzelpersonen, die sich exponieren, in den Medien und der Öffentlichkeit diffamiert und bedroht würden. Weiter ist die Herkunft der Proben nicht nachvollziehbar. Angeblich sollen sie aus den Kantonen St. Gallen und Graubünden stammen. Und last but not least: Bei der Probeentnahme war nicht eine professionelle Fachperson, sprich ein Wildhüter, zugegen.

«Methodik nicht akzeptiert»

Der eidgenössische Jagdinspektor bringts auf den Punkt: Die Analysen des privaten DNA-Labors und deren Interpretation seien wissenschaftlich ungesichert. «Weder ist den angesprochenen kantonalen Behörden die Herkunft der Proben bekannt, noch ist die angewandte Methodik von anerkannten Wissenschaftlern akzeptiert», schreibt Schnidrig.

Nichtsdestotrotz: VWL-Präsident Martin Keller hält am Ergebnis des deutschen Instituts fest: «Im Bündner Fall hat das Institut Forgen den Anteil der Hundegene mit 60 Prozent angegeben. Und im St. Galler Fall wurden Wolfsgene aus dem Baltikum festgestellt. Dabei behauptet das Bafu, dass die Schweizer Wölfe aus Italien stammen.»

Von den Untersuchungsergebnissen sei er selber überrascht worden, meint Keller. «Was wir vom Bafu jetzt fordern, sind unabhängige Untersuchungen.»

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