Aussen unscheinbar, innen überzeugend: Der «Freihof» in Goldingen schafft etwas Seltenes

«Beurteile ein Buch nicht nach seinem Umschlag», lautet eine amerikanische Redewendung. Diese Erfahrung habe ich letzte Woche gemacht. Denn der zwischen Goldingen und Laupen gelegene «Freihof» lädt bei der Vorbeifahrt nicht zur Einkehr ein. Das in die Jahre gekommene Allerweltshaus wirkt mit seiner verwitterten Fassade und der Frakturaufschrift «Restaurant» aus der Zeit gefallen.
Ein anderes Bild vermittelt Google: Dort bekommt der «Freihof» sagenhafte 4,9 Punkte bei 110 Bewertungen. Damit spielt er in der gleichen Liga wie die in dieser Kolumne bereits hochgerühmten Restaurants «Bluemä» in Uznach, «Quellenhof» in Rapperswil-Jona oder «Kubli» in Glarus. Auch die 4,7 Punkte auf Tripadvisor sind ein Spitzenwert. Es ist also höchste Zeit für eine Einkehr in diesem unscheinbaren Lokal. Zumal hier ein Koch mit Leistungsausweis am Herd steht. Claudio Isenring kochte unter anderem im «Panorama» in Feusisberg, im «Seedamm Plaza» in Pfäffikon und im «Sonnenberg» in Zürich.
Erster Dämpfer nach hohen Erwartungen
Wir freuen uns also auf ein sehr gutes Essen, als wir uns am Freitagmittag auf den Weg nach Goldingen machen. Im Angesicht der nüchternen Einrichtung bekommt unsere gute Laune einen Dämpfer (siehe auch unter «Ambiente»). Meine Begleiterin ist eine Optimistin und erfreut sich an der sorgsam gemachten Tischdeko mit weissen Blümchen und grünen Blättern in einem schönen Glas.
Zwei Lunch-Menüs stehen zur Auswahl. Ich bekomme zur Vorspeise eine Broccolicrèmesuppe. Sie ist – nach meinem Geschmack – wunderbar würzig und gut gesalzen. Meine Begleiterin sagt, da sei zu viel Salz drin, sie schmecke den Broccoli kaum mehr. Wenn ich mich zwischen woker (und salzarmer) Gesundheitsküche und der «Freihof»-Variante (würzig, salzig) entscheiden muss, ist mir Letztere viel lieber.
«Freihof» brilliert beim Hauptgang
Hochzufrieden ist meine Begleiterin mit dem gemischten Salat an französischem Dressing. Die Sauce sei sehr gut, der Salat frisch und vielseitig. Er enthält neben verschiedenen attraktiv angerichteten Blattsalaten Sprossen, Karotten, Randen, Kohl, Tomaten und Gurken. Die Gurken seien perfekt, da mit Salz entwässert, sagt meine Begleiterin.
Zum Hauptgang bekomme ich geschmorten Kalbsschulterbraten an Rotweinjus (26 Franken mit Suppe). Das Fleisch ist sehr dünn geschnitten und butterzart, der Jus wunderbar aromatisch. Dazu gibt es ein fluffiges Kartoffelpüree und einen gedämpften und in Butter geschwenkten Gemüsemix aus Karotten, Zucchetti und Kohlrabi. Ich bin begeistert, dieses Gericht verdient die Auszeichnung «perfekt» – auch optisch.
Auch meine Begleiterin geniesst einen sehr guten Hauptgang: ein sautiertes Lachsfilet mit Champagnerschaum, Blattspinat und Kräuterrisotto (29 Franken mit Blattsalat). Dazu trinken wir ein Glas des würzig-trockenen Terra di Zambujeiro aus Portugal (10 Franken pro Glas).
Wir verlängern den Genuss mit dem Tagesdessert Café Glace (8 Franken). Das Glas mit zwei Kugeln feinstem Eis, drei Rahmrosetten, einer Brombeere und einer Hüppe bestätigt die Erkenntnis: Beurteile ein Buch nicht nach seinem Umschlag. Oder eben: ein Restaurant nicht nach seiner Fassade.
Gastrotipp: Restaurant «Freihof»
Ambiente: Wird dem sehr hohen Niveau der Küche nicht gerecht. Wir werden nicht warm in dieser Gaststube mit Kunstlederstühlen und kühler Beleuchtung. Gedecke und Tischdeko sind in Ordnung.
Service: Die Gastgeberin Manuela Isenring serviert persönlich. Sie ist freundlich, aufmerksam und professionell. Und sie kennt sowohl die Küche ihres Mannes als auch den Weinkeller bestens.
Preis-Leistungs-Verhältnis: Ein Mittagsmenü von dieser Qualität mit Kalbfleisch für 26 Franken ist sehr preiswert. Zumal ich dazu noch eine sehr gute Suppe, Brötchen und gewürzte Butter bekomme. Mit Dessert, Wein und Wasser bezahlen wir knapp 50 Franken pro Person. Auch die à-la-carte-Preise sind moderat: Das Rindsfilet im Speckmantel gibts für 49 Franken und den Steinpilzrisotto für 29 Franken.
Adresse: Lauperstrasse 11, 8638 Goldingen, 055 284 18 18.