Wenn Jäger und Laufhund perfekt harmonieren
Golden ist der Herbst an diesem Oktobertag. Dennoch sitzt der Jäger Linard Josty auf seinem Balkon in Ftan und geniesst die Sonne, anstatt mit seinen zwei Laufhunden auf Hasenjagd zu sein. «Sie haben zwei Ruhetage verdient», sagt Josty und streichelt die neun Monate alte Kyra, die ihr Köpfchen auf seinen Schoss gelegt hat. Die zehnjährige Asta hingegen bevorzugt ihren Korb in der schattigen Stube. So träge sie an diesem Mittag wirkt, so lebhaft ist die alte Laufhündin, wenn sie die Fährte eines Hasen entdeckt hat. Dass Asta für diese Aufgabe viel Talent besitzt, beweist der Titel «Europameister 2016». Gewonnen haben Josty und seine Hündin diesen im vergangenen Jahr am Europa-Cup für Laufhunde in Kroatien. «Es war ein aussergewöhnliches Erlebnis», erinnert sich der Engadiner.
Viel Geduld und Leidenschaft
Vor 45 Jahren hat sich Josty seinen ersten Laufhund gekauft. «Ohne Jagdhund ist die Niederjagd nicht so besonders», meint er. In Tarasp hatte jemand Welpen der Rasse Jura Laufhund und eines blieb übrig, sodass Josty kurzerhand beschloss, dieses zu sich zu nehmen. «Wer Laufhunde hat, muss sehr geduldig sein», meint der 70-Jährige. Wichtig sei aber auch, dass die ganze Familie Freude habe, denn Laufhunde seien ausgesprochene Familientiere. «Ich habe Glück, denn meine Frau Giana ist genauso engagiert wie ich, was die Hunde angeht», sagt Josty. So seien sie und der Enkel Dea sogar mit nach Kroatien gefahren. Auch Sohn Gian Reto sei ein passionierter Niederjäger und kümmere sich regelmässig um die Hündinnen.
«Das beste Training ist die Jagd»
Das Wissen über die Hasenjagd mit Laufhunden hat Josty sich zuerst mithilfe von Literatur angeeignet. Wichtig seien aber vor allem auch die Tipps von älteren Jägern im Tal gewesen. Vier verschiedene Sorten Laufhunde gibt es: Jura, Luzerner, Berner und Schweizer Laufhunde. Vom Wesen sind sich diese Hunde sehr ähnlich. Kyra ist beispielsweise eine Luzerner Laufhündin. Sie profitiert nun von der Erfahrung von Asta, einer Jura Laufhündin.
Ohne Jagdhund ist die Niederjagd nicht so besonders.»
Jeden Tag ist Josty während rund vier Stunden mit seinen Hündinnen unterwegs. Nebst den ausgiebigen Spaziergängen macht Josty auch Übungen mit ihnen. An der bis zu 15 Meter langen Leine gehen Asta und Kyra auf Spurensuche. Ab und zu benutzt Josty ein Hasenfell, macht eine sogenannte «Schleppe», und die Hunde müssen die Fährte nach ein paar Stunden verfolgen. «Das beste Training ist aber die Jagd», meint Josty. Mehrmals im Jahr nehmen er und sein Sohn zudem mit Asta am Prüfungsjagen an verschiedenen Orten in der Schweiz teil. Organisiert werden diese von den Regionalsektionen des Schweizer Laufhundeclubs. An den Wettkämpfen müssen unter anderem die Punkte gesammelt werden, um sich für den Europa-Cup zu qualifizieren.
Die Schönheit des Hundes, genannt Formwert exterieur, wird beim Prüfungsjagen zwar auch bewertet, wichtiger ist jedoch die Begabung für die Hasenjagd. Punkte gibt es für die Suche nach dem Hasen, für das «Stechen» – die Reaktion des Hundes auf das Erscheinen des Hasen –, für das Durchhaltevermögen, für die Stimme des Hundes und schliesslich noch für die Führung durch den Hundehalter. Auch an der jährlichen Laufhunde-Ausstellung nimmt Josty jeweils teil.
Auf die Frage, was das Geheimnis eines guten Laufhundes sei, antwortet Josty: «Ein inniger Kontakt mit dem Herrchen.» Der Stammbaum sei zwar auch wichtig, doch schlussendlich funktioniere es nur, wenn es zwischen Hund und Hundehalter harmoniere. Kyra hat viel Potenzial, ein so guter Jagdhund zu werden wie ihre erfahrene Gefährtin Asta. «Sie rennt auf der Jagd schon der Alten nach und bellt dabei wie verrückt», erzählt Josty lachend.
Die grosse Zuneigung, die er für das Jungtier empfindet, ist ebenso spürbar wie die überschwängliche Liebe des quirligen Hundes zu ihrem Herrchen. Eins ist klar: Das Zeug für einen weiteren Europameister-Titel hat auch dieses Gespann.