Spektakuläre Rettungsaktion aus luftiger Höhe
Zu fünft sitzen die Statisten in den Gondeln und warten darauf, dass der Helikopter beim Landeplatz am Sessellift Schlivera abhebt. Trotz Nebelschwaden herrscht gutes Flugwetter. Der Schnee vom Montag hat die Landschaft zudem in ein winterliches Kleid gehüllt. Das Bergpanorama ist fantastisch. Dennoch wird die Wartezeit schnell einmal lang, wenn die Gondeln keinen Meter weit fahren. Endlich bewegen sich die Rotoren des Helikopters und auch in die Wartenden kommt Leben. Der Heli hebt sich in die Höhe. An einem Seil baumelt ein Rettungsspezialist des SAC. Ganz leicht sieht der Anflug des Helikopters von der Gondel betrachtet aus. Routiniert dockt der Rettungsspezialist am Dach an. «Wie Spiderman», meint jemand in der Gondel. Wenige Augenblicke später öffnet «Spiderman» bereits die Tür von aussen, steigt in die Gondel und sagt höflich: «Guten Morgen.»
Gian Cla König ist Bergeller und einer von zehn Helikopter-Rettungsspezialisten in Südbünden. Eine reale Seilbahnevakuierung hat er noch nie erlebt, doch bei den jährlichen Übungen ist er immer mit dabei. Mit ruhigen Handbewegungen verteilt König drei Sitzgurte, an denen Seile befestigt sind. Er hilft beim Anziehen der Gurte, fügt die drei Seile zusammen, dann heisst es warten auf den Helikopter. «Was muss ich jetzt tun», fragt die Frau, die am nächsten bei der offenen Türe steht. «Nichts», antwortet König. Und schon werden die drei Personen gleichzeitig nach draussen in die Höhe gehoben. Der Flug ist kurz – ein zu kurzes Vergnügen für einige der Statisten. Kaum sind diese sanft am Sessellift Schlivera gelandet, laufen sie auch schon für einen nächsten Rundgang zur Bergstation Motta Naluns.
Nur dreieinhalb Stunden Zeit
Giorgio Faustinelli ist Pilot und Leiter der Rega-Basis in Samedan. Einmal im Jahr findet eine Seilbahnevakuierungsübung statt – eine Aktion, die viel Manpower benötigt. «Wenn eine Bahn steht, müssen gemäss dem Verband Seilbahnen Schweiz innerhalb von dreieinhalb Stunden alle Betroffenen evakuiert werden», erklärt er vor der ersten Übung. Wenn Flugwetter ist, sei das eine Erleichterung, wenn dies nicht der Fall sei, «haben die Retter eine Mammutaufgabe zu bewältigen». An diesem Morgen macht das Wetter mit – kaum Wind, relativ gute Sicht. Faustinelli erklärt, wie eine Seilbahnevakuation im Ernstfall funktionieren würde: Die Einsatzzentrale Zürich alarmiert die Mannschaft der regionalen Rega-Basis. Helikopter-Rettungsspezialisten des SAC werden via Pager aufgeboten. Dann wird ein kommerzielles Helikopter-Unternehmen wie die Heli Bernina informiert. «Im Notfall sind wir wegen der 24 Stunden-Bereitschaft als erste vor Ort und beginnen mit der Evakuierung der Passagiere, bis die Unterstützung vom Helikopterunternehmen kommt», erklärt der Rega-Pilot. Die Mitarbeiter der Bergbahnen vor Ort sind natürlich ebenfalls im Einsatz.
Ein komplizierter Einsatz
Wenn die Anlage still steht und die Talabfahrt gesperrt ist, befinden sich bis zu 600 Personen in den Gondeln der Bergbahnen Motta Naluns. «Eine schnelle Reaktion ist vonnöten», sagt Dominik Hunziker. Er ist Einsatzleiter an diesem Übungstag. Seilbahnevakuierung sei eine der kompliziertesten Einsätze überhaupt. Diese anspruchsvolle Aufgabe läuft gemäss standardisierten Betriebsverfahren ab. Die SOP – standard operating procedure – gilt als «Bibel» bei den Einsatzkräften. Abweichungen sind möglich, müssen aber begründet werden. «Das Wichtigste ist eine frühzeitige Alarmierung», meint Hunziker. Denn die Vorbereitung der Zusatzausrüstung benötige eine gewisse Vorlaufzeit. Eine gute Vorbereitung mit Rekognoszierungsflug, Leistungscheck, Funkcheck etc. sei von zentraler Bedeutung. Beim Einsatz ist der Pilot der Kommandant, hinzu kommt noch ein Rettungssanitäter, ein Arzt sowie ein SAC-Rettungsspezialist. Am Boden muss ein Landeplatzteam bereitstehen. «Die Luftraumüberwachung geht alle etwas an», betont der Einsatzleiter. Ein Flugzeug, ein Helikopter oder eine Drohne in der Nähe des Einsatzortes müssen sofort erkannt und gemeldet werden.
Während der vier Rundgänge an der dreistündigen Übung gibt es keine Zwischenfälle: Keine anderen Flugobjekte, der Funk fällt nicht aus und es gibt keinen realen Notruf, aufgrund dessen die Rega den Übungsplatz unverhofft verlassen müsste. Bergbahndirektor Egon Scheiwiller fliegt an diesem Tag nicht am Seil durch die Luft. Für ihn ist diese Übung dennoch ein Highlight. In den 15 Jahren seiner Amtstätigkeit gab es bisher keine Rega-Seilbahnevakuierung auf Motta Naluns. «Unsere Leute für eine solche Evakuierung zu sensibilisieren, war uns sehr wichtig», sagt er. Am Samstag müssen seine Mitarbeiter dann noch den Notfall üben, wenn der Helikopter ausfallen sollte.
Mehr zur Notfallübung auf Motta Naluns heute, 18 Uhr, auf TV Südostschweiz.