Eine «neue Normalität» für Bondo
Kurz nach 17 Uhr begann sich gestern der Eingangsbereich zur Mehrzweckhalle in Vicosoprano zu füllen. Jung und Alt, ein Paar mit Kleinkind, eine Frau mit Welpe – sie alle waren erschienen, um dem Informationsanlass zum Bergsturz am Piz Cengalo und den anschliessenden beiden Murgängen in Bondo beizuwohnen. «Diese Katastrophe betrifft uns alle im Tal», sagte eine Bewohnerin von Vicosoprano vor Einlass. Ihre Solidarität bezeugten auch die zwei anwesenden Regierungsräte: Christian Rathgeb vom Departement für Justiz, Sicherheit und Gesundheit sowie Mario Cavigelli vom Bau-, Verkehrs- und Forstdepartement. Um punkt 17.30 Uhr startete der Anlass mit den einleitenden Worten von Gemeindepräsidentin Anna Giacometti und einer Schweigeminute für die acht Vermissten. «Das Leben hat für alle in der Val Bregaglia geändert», meinte Giacometti.
Drei und nicht vier Millionen Kubikmeter
Eine Bilderstrecke zeigte dem Publikum noch einmal die Ereignisse der letzten Tage. Vom Bergsturz bis zum Überlaufen des Ausgleichbeckens in Bondo. «Die letzten Messungen haben ergeben, dass drei Millionen Kubikmeter und nicht vier Millionen Kubikmeter Gesteinsmaterial gelöst wurde», sagte Martin Keiser vom Amt für Wald und Naturgefahren. Er informierte weiter, dass die alte Muralarmanlage wieder in Betrieb sei und weiter ausgebaut werde, sodass bei Schlechtwetter die Einwohner und Einsatzkräfte rechtzeitig gewarnt werden können. Dann trat Rathgeb ans Rednerpult. «Diese Tage gehören mit Sicherheit zu den schwersten Tagen in Ihrem Leben», sagte er an die Einheimischen gewandt. Er lobte die 120 Einsatzkräfte verschiedener Organisationen, welche «pragmatisch und zielgerichtet» gearbeitet hätten und erntete dafür einen langen Applaus. Dann betonte er abermals, dass bei der Vermisstensuche alles unternommen worden sei, die Suche aber eingestellt wurde, weil man nichts mehr an der Situation ändern könne.
«Wir werden sie nicht alleine lassen»
Auch die Frage, warum die Armee in Bondo bisher nicht sichtbar war, beantwortete Rathgeb. Die Armee habe sehr rasch reagiert. Sie war noch am selben Abend vor Ort, zur Lagebeurteilung und zur Abklärung der Einsatzmöglichkeiten. «Gemeinsam mit Spezialisten von Gemeinde und Kanton haben wir entschieden, bis auf Weiteres auf den Einsatz von Truppen zu verzichten», sagte der Regierungsrat. Viel sinnvoller sei es, für die Aushubarbeiten im Ausgleichsbecken leistungsfähige Maschinen einzusetzen. Die Gefahr von weiteren Murgängen sei zu gross. Möglichst wenige Menschen sollen in der Gefahrenzone eingesetzt werden. Besonders gefährliche Arbeiten werden ferngesteuert durchgeführt. «Ab dieser Woche sind aber Gebirgsspezialisten der Armee im Gebiet Val Bondasca im Einsatz», ergänzte Rathgeb. Diese übernehmen eine Überwachungsfunktion. «Wir werden sie in den kommenden Wochen und Monaten nicht alleine lassen», versprach Rathgeb abschliessend.
Bis zu vier Jahren Rekonstruktionsphase
Cavigelli bedankte sich in Italienisch bei der Bevölkerung. «Es ist für Sie schwierig, die Unsicherheit, die diese Situation mit sich bringt, zu ertragen», sagte er. Nun sei die Interventionsphase vorbei und es folge die Phase der Rekonstruktion. «Die Arbeiten dauern sicher drei bis vier Jahre», betonte er. Es stehen grosse Projekte an, die laut dem Regierungsrat wohlüberlegt sein müssen. Profitieren könne man von den Erfahrungen im April 2013 in der Val Parghera in Domat/Ems. Dort habe die Zusammenarbeit gut funktioniert, doch abgeschlossen seien die Instandsmassnahmen nach wie vor nicht. «Es braucht auch hier in der Val Bregaglia viel Geduld und Vertrauen», meinte er.
Deponien in der Nähe von Bondo
Erste Priorität habe die Sicherheit in Bondo. Es gehe darum, «eine neue Normalität» zu schaffen, welche die Einwohner akzeptieren können. Der Kanton unterstütze die Gemeindearbeiten und beginne auch mit kantonalen Projekten. Insgesamt sind sechs Teilprojekte geplant, darunter die Schaffung von zwei Deponien für das Aushubmaterial in der Nähe von Bondo. Laut Gian Cla Feuerstein, Projektleiter Widerinstandstellung, beginnt die grosse Arbeit am Donnerstag, wenn ein Riesenbagger zum Einsatz kommt. Täglich werden 1500 bis 2000 Kubikmeter Material mit 15 Lastwagen in die Deponie von Castasegna verfrachtet. Insgesamt beträgt die Materialmenge 200 000 Kubikmeter. Das bestehende Ausgleichsbecken wird in Zukunft vergrössert.
Und schliesslich leistet der Kanton auch finanzielle Hilfe. Ein Scheck über 800 000 Franken sei bereits ausgestellt worden. Heute Morgen reist eine Delegation der Glückskette und der Caritas nach Bondo. Dann startet auch eine nationale Sammelaktion.
Unzufriedene Baumeister
Für leise Misstöne sorgte gestern einzig der Graubündnerische Baumeisterverband. In einer Medienmitteilung zeigte er sich «irritiert, dass nicht konsequent die im Kanton verfügbaren Einsatzmittel angefragt und aufgeboten werden, bevor weitere Verstärkung angefordert wird». Davon ausgenommen seien lediglich im Kanton nicht verfügbare Spezialgeräte, heisst es weiter.
Jeder Franken zählt – Spenden für Bondo
Die Solidarität für Bondo ist nach den tragischen Ereignissen vom 27. August gross: Drei Glarner Gemeinden haben der Gemeinde Unterstützungsleistungen im Umfang von 3000 Franken zukommen lassen. Es soll jedoch noch mehr Geld gesammelt werden: Die Gemeinde Bregaglia hat dazu ein Konto eingerichtet, auf dem ein beliebiger Betrag für Bondo gespendet werden kann. IBAN CH33 0077 4010 0577 1811 2.