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Leben und Freizeit

«Die Glarner Schulen um 1800 waren besser als ihr Ruf»

In seiner Doktorarbeit hat Michael Ruloff die sogenannte Stapfer-Schul-Enquête ausgewertet. Bildungsminister Philipp Albert Stapfer führte 1799 in allen Schulen der Helvetischen Republik eine Befragung zum Schulbesuch durch. Für den Kanton Glarus hat Ruloff dabei einige interessante Entdeckungen gemacht.
23.10.2017, 04:30 Uhr
19.05.2026, 12:10 Uhr

Durchschnittlich 70 Kinder wurden um 1800 im Winter, wenn der Schulbesuch generell höher als im Sommer war, in einer Stube unterrichtet. Zuweilen waren es sogar 220, wie Lehrer Jacob Steinmüller zu seiner Schule in Glarus in der Umfrage von Stapfer erklärt. Der Unterricht fand damals entweder in engen Schulstuben in den Pfarrhäusern oder in Privatstuben statt.

Laut Glarner Heimatbuch gab es im Glarnerland zu jener Zeit 22 Schulen mit 22 Lehrern, darunter drei Pfarrer. Die erste Schule im Kanton Glarus wird 1524 erwähnt. Im Bezirk Schwanden besuchten von insgesamt 1900 schulfähigen Kindern 924 die Schule, also etwa die Hälfte. Der Schulbesuch, bei dem vor allem Lesen und Schreiben vermittelt wurde, soll unregelmässig und willkürlich gewesen sein. Eine allgemeine Schulpflicht gab es noch keine. Das Gedankengut von Johann Heinrich Pestalozzi (1746 bis 1827) kam erst auf.

Herr Ruloff, was macht das Thema Schule um 1800 für Sie interessant?

Michael Ruloff: Offiziell wird die Geburt der modernen Volksschule auf etwa 1830 datiert. Über die Zeit davor weiss man punkto Schule leider sehr wenig, respektive es herrscht das oberflächliche Bild vor, dass sie generell schlecht war. Also schlecht besucht, die Lehrer unfähig, die Schulstuben schimmelig und die Schulwege zu lang. Dieses Bild kann ich dank der Stapfer-Enquête differenzieren. Etwa das Klischee, dass die Katholiken schlechtere Schulen besassen als die Protestanten. Gerade in Glarus zeigt sich, dass das so nicht stimmt und die Konfessionen um ihre Schulen wetteiferten. Die Glarner Schulen um 1800 waren besser als ihr Ruf.

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Die Bildung junger Frauen war den Leuten etwas wert, schliesslich musste man dem Lehrer Geld bezahlen.»

Doch waren die Jahre um 1800 sicher keine gute Zeit, um die Kinder in die Schule zu schicken. Im Glarnerland herrschte sozusagen Krieg. Suworow zog 1799 mit seiner Armee durch Glarus. Die Franzosen versperrten ihm in Glarus Nord den Weg nach Zürich. Die Soldaten assen den Leuten noch das wenige Essen weg. Kinder wurden weggeben, damit sie nicht verhungerten.

Genau. Der Schulbesuch war deshalb im Vergleich niedrig. Die politische Situation war verheerend. Zudem gab es Ernteausfälle. Lange Schulwege im Winter waren ein Hindernis für den Schulbesuch. Umso mehr sehe ich es als grosse Leistung an, wie viele Schulen es trotzdem im Glarnerland gab, darunter auch schon sehr früh kleine Bergschulen.

Was für einen Stellenwert hatte die Bildung in der Bevölkerung?

Sie hatte einen hohen Stellenwert. In Mitlödi beispielsweise trug eine Gruppe von Eltern Geld zusammen, um den Lehrer zu bezahlen. Aber auch der neue Staat, die 1798 gegründete Helvetische Republik, hatte ein Interesse an den lokalen Schulen. Sich mit dem neuen Staat zu identifizieren, sollte auch über Schulbildung erreicht werden. Wer lesen und schreiben kann, sollte – plump gesagt – auch Propagandazeitungen lesen können. Die neue Republik musste bei den Schulen jedoch erst einmal Präsenz zeigen. Dies erklärt unter anderem, weshalb Bildungsminister Stapfer eine Umfrage in allen Schulen machte. Wobei er der Erste war, der nicht nur Pfarrer oder Amtsstellen, sondern die Lehrer befragte.

Was haben Sie für den Kanton Glarus beziehungsweise im damals helvetischen Kanton Linth herausgefunden?

Wie gesagt, dass die bekannten Klischees nicht stimmen. Erstens: Es gingen auch die Katholiken zur Schule. In Mitlödi hat eine kleine Gruppe katholischer Eltern sogar für zehn Kinder einen eigenen Lehrer organisiert, damit sie nicht nach Glarus gehen mussten. Zweitens: Es gingen auch die Mädchen zur Schule, in Ennenda war der Schulbesuch 1799 bei den Mädchen wohl höher als bei den Jungen. Die Bildung der jungen Frauen war den Leuten also etwas wert, schliesslich musste man dem Lehrer Geld zahlen. Drittens zeigt sich am Kanton Glarus, dass auch die Landbevölkerung lesen und schreiben lernte. Ennenda hatte eine Schule und Filzbach und Elm auch. Nicht nur städtische Kinder gingen damals in der Schweiz zur Schule.

Was beeinflusste denn den Schulbesuch massgeblich?

Vor allem die Länge des Schulweges. Je weiter, je komplizierter er war, desto weniger gingen die Kinder in den Unterricht. In fortgeschrittenem Alter gingen die Kinder nicht mehr zur Schule, weil sie bei der aufkommenden Heimarbeit mithalfen.

Wie waren die Lehrer ausgebildet?

Die Ausbildung war sehr unterschiedlich. In Mitlödi beispielsweise haben die Protestanten einen Lehrer angestellt, der vorher in Deutschland die Kaufmannschaft gelernt hatte. Manche haben in fremden Diensten im Ausland ihre Kenntnisse erworben. Sicher gab es auch Lehrer mit zu wenig Bildung. Manche Gemeinden waren sehr ambitioniert: In Mollis etwa suchte man 1805 via Stelleninserat in der «Zürcher Zeitung» einen Pfarrer, der mit der «in dieser Gemeinde seit einiger Zeit betriebenen Pestalozzischen Lehr-Methode» bekannt sei. Ihm wurden neben «freier Wohnung» ein Jahresgehalt von 400 Gulden sowie «Nutzniessung des Gemeinderechts» angeboten.

Sie haben eine interaktive Webseite aufgeschaltet, auf der man die ausgefüllten Fragebögen mit den 60 Fragen von damals anschauen kann. Was machen Sie damit? Sollen Schulen damit arbeiten?

Die Quellen sind öffentlich für alle da, die sich dafür interessieren. Im Oktober werde ich zum Beispiel an einer Schule damit arbeiten. Für mich zeigt diese Studie sehr viel: nämlich, dass in der Schweiz, auch in bitterer Armut, Geld in die Bildung investiert wurde. Das geschah auch in Glarus, das nach dem Wiener Kongress als alter Ort Entschädigungszahlungen von den neuen Kantonen erhalten hatte. Ein Grossteil des Geldes wurde direkt für die Bildung, wohl für die Sanierung von Schulstuben oder den Bau von neuen Schulhäusern, verwendet.

Die Studie samt Datenbank und zahlreichen Informationen ist unter www.stapferenquete.ch zu finden.

Michael Ruloff
Der ehemalige Realschullehrer Michael Ruloff studierte Erziehungswissenschaften in Bern. Das Buch «Schule und 
Gesellschaft um 1800 – Der Schulbesuch in der Helvetischen Republik» verfasste er im Rahmen seiner Dissertation. 
Der Text ist beim Verlag Julius Klinkhardt erschienen und im Handel erhältlich; ein Download ist über www.pedocs.de möglich. Heute unterrichtet Ruloff an der Pädagogischen Hochschule der Nordwestschweiz in Basel Allgemeine Pädagogik.


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