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Leben und Freizeit

Der Steinbock des Anstosses

Den einen gefällt die Aktion, andere regen sich auf. Kunst liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Und ist zugleich dem Zahn der Zeit unterworfen, so auch der weisse Steinbock in Glarus. Einige Hintergrundinformationen zum «Berggeist»-Brunnen.
18.07.2017, 05:00 Uhr
19.05.2026, 12:10 Uhr

Seine Werke werden oft übersehen», titelten die Glarner Nachrichten am 26. Juli 1984 in einem ganzseitigen Beitrag zum 100. Geburtstag von Otto Kappeler (1884 bis 1949). Der Bildhauer aus dem aargauischen Seetaldorf Fahrwangen hat den «Berggeist»-Brunnen 1926 für Glarus geschaffen, doch sei er praktisch vergessen gegangen, bedauert der Verfasser des Artikels. Obschon Kappeler doch vom Engadin bis an den Genfersee viele Zeugnisse seines Schaffens hinterlassen habe (siehe Box).

In Glarus ist das anders. Da nimmt man den Brunnen und den Namen Kappeler seit Kurzem plötzlich wahr. Nicht nur, weil der Brunnen in Glarus ausnahmsweise sogar signiert ist. Der weisse Steinbock ist schuld und für manche sogar ein Stein des Anstosses.

Denn blendend weiss hebt er sich neben der majestätischen, bärtigen Gestalt ab, die einen Adler auf der Schulter trägt, umringt von einem Bär, der zwischen seinen Pranken eine Schnecke hält, und einem Murmeltier, das sich an ihn schmiegt.

Vielfältige Farb-Symbolik

Peter Jenny, emeritierter Professor für Gestaltung, liess den Steinbock als Kunstaktion weiss bemalen (Ausgabe vom 7. Juli). Dabei verwies er auf die vielfältige Symbolik der Farbe Weiss als Farbe des Neuanfangs. Besonders auch für die neue Gemeinde Glarus, in welcher der Steinbock seit dem Fusionsentscheid der Landsgemeinde 2006 nicht mehr Wappentier ist. Man könne ihn aber auch als Messgerät für Luftverschmutzung verwenden.

Weiss sei auch heikel. Das zeigt sich jetzt auch in Facebook-Kommentaren oder Leserbriefen von Leuten, die mit der Kunstaktion nichts anfangen können. Die Diskussion läuft. Aufmerksamkeit ist garantiert. Aus Stadtmarketing-Gründen müsste sich der Gemeinderat freuen, der die Aktion genehmigt hatte. Derweilen plätschert das Wasser blau im blitzsauberen Brunnenbecken.

Die spezielle Kreisbogenform oder der Dreipass, wie man die Umrandung des Brunnens bezeichnet, ist laut Bildhauer Daniel Ledergerber aus Beton. Die Figuren sind aus Mägenwiler Muschelkalk herausgearbeitet. Der Sockel, auf dem sie stehen, ist innen hohl.

Gereinigt und ein wenig geflickt

Ledergerber wird derzeit häufig auf den weissen Steinbock angesprochen. Er hat den Brunnen im Auftrag der Gemeinde Glarus gereinigt, also nicht restauriert, wie er sofort klarstellt. Doch hat er nicht nur den angesetzten Dreck von den Figuren entfernt.

Ein Riss am Bauch des Berggeistes wurde ebenfalls beseitigt. Zudem habe er das mit Moos zugewachsene Abflussloch zwischen Berggeist und Steinbock vergrössert. Die Muschel, bei der das Wasser vorne ausfliesst, müsste saniert werden, fügt er an. Für eine grössere Restauration fehle aber momentan das Budget.

Früher oder später wieder grau

Die dunkle Farbe, die den Brunnen bis vor Kurzen verunzierte, stammt vom Pneuabrieb und Strassenschmutz des vorbeirauschenden Verkehrs sowie von Flechten und Moosen. Den weissen Steinbock kommentiert Ledergerber indes mit einem Lachen: «Das ist nur Farbe. Und sie ist noch dazu ein Schutzanstrich.»

Für Ledergerber ist klar: Wenn man den Brunnen erhalten will, muss man die ganze Menagerie demnächst mit einer Kalkglasur schützen. «Das ist mit dem Steinbock schon jetzt passiert. Und früher oder später wird auch der wieder grau werden.»

«Das ist nur Farbe. Und sie ist noch dazu ein Schutzanstrich.»

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